Lesung : Fröhlicher Apokalyptiker

Der Lyriker und Chamisso-Preisträger Jean Krier liest in Berlin. Freche französische Sprüche, die er auf der Straße hört, verwendet er gerne als Titel für seine Poesie. Dichten will er aber weiterhin auf deutsch.

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„Wie köstlich, ach, an keinem Ort mehr zu sein“, schreibt Jean Krier als Widmung in seinen Gedichtband hinein. Der Umschlag von „Herzens Lust Spiele“, beim Leipziger Poetenladen erschienen, zeigt ein Ultraschallbild von Jean Kriers eigenem „beigepassten“ Herzen. Seine Lyrik ist ganz im Sinne des Barock eine Feier des Lebens vor dem Vanitas-Hintergrund. In dem Gedicht „Eine schöne Leich“ heißt es: „Atem- u herzlos schier die Treppen, denn wir haben hier keine bleibende Statt“, aber ein paar Zeilen weiter auch: „Wenigstens haben wir uns gut unterhalten“.

„Das Zerstörerische hat mich schon immer sehr interessiert“, erklärt der freundliche weißhaarige Luxemburger, höflich einen koffeinhaltigen Kaffee ablehnend. „Das hängt wahrscheinlich mit einem gewissen Nihilismus bei mir zusammen, so eine Art mephistophelischer Nihilismus.“ Und der frisch pensionierte Deutschlehrer an einem Gymnasium („35 Jahre sind genug“) zitiert den „Faust“: „Alles was entsteht, ist es wert, dass es zugrunde geht, drum besser wär’s, dass nichts entstünde.“

Mitte März erhielt der fröhliche Apokalyptiker den Adalbert-von-Chamisso- Preis. Jean Krier habe mit seinen „gesammelten freirhythmischen Elegien den Schatz der deutschsprachigen Lyrik bereichert“, hieß es in der Jury-Begründung. „Völlig überrascht“ hat den „Letzebuerger“ diese Auszeichnung, von der er sich ein größeres Publikum erhofft, denn: „Ohne Echo fehlt die Motivation.“ Nach so vielen Jahren, in denen sich der Chamisso-Blick gen Osten und Südosten richtete, darf die Auszeichnung eines West- beziehungsweise Mitteleuropäers, noch dazu eines Dichters, als kleine Revolution gelten. Notorisch stand bisher das Genre der „Migrationsprosa“ im Vordergrund.

Obwohl Jean Krier, der 1949 geboren wurde, immer wieder freche französische Überschriften und Einsprengsel verwendet, hat er sich für das Deutsche als Literatursprache entschieden: „Das sind französische Sprüche, die ich auf der Straße höre, recht lustig finde und als Titel nutze. Das Gedicht hat meist recht wenig mit dem Titel zu tun. Das ist typisch für meine Poesie, von einem Thema oder Inhalt kann man ja auch nicht richtig sprechen.“ Streng genommen ist das „Letzebuergische“, die Nationalsprache des Großherzogtums, ein moselfränkischer Dialekt, gehört also zum Deutschen. Doch der kulturelle Hintergrund sei ganz anders, versichert Jean Krier: „Die Unterschiede sind sofort sichtbar, das erkennt man schon an der Architektur. Die luxemburgische Nationalsprache ist ein starkes Identitätsmedium für so eine geringe Bevölkerung.“ Darin schreiben wollte er aber nie, denn das würde seine Ausdrucksmöglichkeiten und sein Publikum zu stark einschränken, meint er.

Auch das ebenso nahe liegende Französische kam für ihn nicht in Betracht: „Die alte französische Lyrik ist von der Sprache her schwer zugänglich, und die des 20. Jahrhunderts finde ich oft zu preziös. Bei der deutschen Nachkriegslyrik ist das ein ganz anderer Ton geworden, zumal sich das Naturmagische abgeschliffen hatte. Mit Enzensberger kam ein ganz anderer Wind in die Lyrik, das hat mich schon als Schüler sehr gereizt.“ Krier ist mit einer Deutschen verheiratet, Besitzer zweier Katzen, die er ungern länger allein lässt, und hört beim Schreiben bevorzugt Alte Musik oder Streichquartette von Wolfgang Rihm. Vier Gedichtbände hat er bisher veröffentlicht, angefangen mit „Bretonische Inseln“ von 1995. Das Reisen ist eines seiner Lieblingsthemen, das er auch im aktuellen Band immer wieder variiert.

Es bietet einen leichteren, heiteren Ausgleich zu Tod und Herzensschmerz, auch wenn bei diesen erdenschweren Themen stets rettende Ironie durchblinkt. Unerschrocken zitiert er große Vorbilder wie Dante oder Hölderlin und bedichtet Liebe, Gewalt und Tod: „Vielleicht wäre ohne Trost das Leben ja besser“ heißt es in „Auf dem Arsch sitzen, furzen und an Dante denken (Beckett)“ .

Jean Krier liest im Rahmen der Reihe „Überlandleitung“ am 4. Mai um 19.30 Uhr in der Kreuzberger Lettrétage, Methfesselstr. 23-25 (www.lettretage.de).

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