Kultur : Lesung: Gespräche mit Heiner Müller

Peter Laudenbach

Früher war das Berliner Ensemble ein Totenschiff, in dem die Gespenster von Brecht und Rosa Luxemburg, von Stalin und Marx spukten, Untote, die keinen Frieden fanden. Seit Heiner Müllers Tod vor fünf Jahren tauchte auch sein Gespenst ab und zu im BE auf, als hätte es Ausgang vom Dorotheenstädtischen Friedhof. Man wünschte sich, der Dichter könnte manchmal Urlaub von den Toten nehmen, die er zu seinen Lebzeiten so oft besucht, gesucht hat.

Zu Müllers fünftem Todestag am vorletzten Tag des letzten Jahres veranstaltete das BE nun eine Lesung mit Texten des Dichters. Heiner Müller am neuen BE: Man ahnte eine ähnlich aparte Konstellation wie die Allianz, die die Internationale Heiner Müller Gesellschaft für eine Feier von Müllers 72. Geburtstag am 9. Januar mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eingegangen ist: Zum Geburtstag versammelt sich die Müller-Gemeinde in der CDU-Parteizentrale.

Doch wer solch eine skurrile Disproportion zwischen Inhalt und Rahmen, zwischen geehrtem Lebenswerk und Art der Ehrung am BE erwartet hatte, lag falsch. Ulrich Matthes und Martin Wuttke unternahmen eine Reise ins Totenreich, einen Besuch des toten Dichters. Die Lesung zu mitternächtliche Stunde wurde eine eindringliche Erkundung von Müllers bekannten, immer wieder fremden Texten. Wenn es eine Auferstehung der Toten gibt oder, wie Müller glaubte, zumindest ein Gespräch mit den Toten, so fand es an diesem Abend statt. Kurz vor Ende seines ersten Jahres am Berliner Ensemble gelang Claus Peymann ein Kunstwerk: Eine kluge, traurig-komische Inszenierung, die darauf vertraut, dass Reflektion, Trauer, Ernst eine eigene Schönheit entfalten können.

Ulrich Matthes und Martin Wuttke sitzen wie zwei Schüler eng beieinander hinter ei-nem simplen Holztisch. Sie haben beide viel in Müllers Schule gelernt. Jetzt versenken sie sich in seine Texte, wundern sich immer wieder über sie und lassen uns an ihren Entdeckungen teilhaben. Manchmal erhebt sich einer, geht unruhig umher oder richtet eine Rede ins Publikum. Zur linken sieht man ein großes Photo Heiner Müllers, eine Rückenansicht. Müller geht zwischen Säulen schmal, zart und lässig weg von uns, dem Publikum, den Lebenden. Matthes und Wuttke lesen vor allen Gedichte, ganz frühe und ganz späte. Die frühen handeln vom Trauma des Faschismus: "Der Terror, von dem ich schreibe, kommt aus Deutschland." Die späten Texte handeln vom Sterben.

Martin Wuttke, der so viel mit Müller gearbeitet hat, und Ulrich Matthes, den man lange, zu lange nicht auf einer Bühne sah, sind an diesem Abend keine Schauspieler, denen man vom Parkett aus bei der Arbeit zusieht. Es sind Wiedergänger Müllers, Trauergäste, Stimmen aus dem Totenreich. Zu Beginn hören wir nicht ihre Stimmen, sondern Müller selbst, ein Stimme vom Tonband, ein Gespräch kurz vor seinem Tod. "Das Gerede von der Theaterkrise ist Unsinn. Theater ist Krise. Das ist seine eigentliche Funktion." Als komödiantisches Präludium spielen Matthes und Wuttke ein fiktives Interview, das Alexander Kluge in seiner "Chronik der Gefühle" erfunden, gefunden hat. Wuttke spielt einen müde, nervös apathischen Müller, Matthes gibt zappelnd die Karikatur eines aufdringlichen Journalisten. Er belagert Müller in der BE-Kantine. Nach der missratenen "Philoktet"-Premiere, wenige Tage vor Müllers Tod, will er wissen, ob der Misserfolg ein Problem sei. Müller: "Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass Theater interessant sein muß." Der Volontär: "Wegen der verbrauchten Steuermittel." Müller: "Also wegen des Geizes der öffentlichen Hand."

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