Kultur : Lesung: "Literarische Streifzüge"

Nicholas Körber

Die "Literarischen Streifzüge", eine neue Reihe von Lesungen im Renaissance Theater, führten zum Auftakt ins Spanien des 16. Jahrhunderts. Udo Samel las aus dem "Ketzer", dem Alterswerk des spanischen Starautoren Miguel Delibes. Detailverliebt wird in diesem historischen Roman die sich zögernd entwickelnde und von der Inquisition niedergeschlagene Reformationsbewegung geschildert. Die Historie verdichtet sich in dem Kaufmann Cipriano Salcedo, der, nachdem er zum Protestantismus übergetreten ist, gefoltert und bei einem Autodafé verbrannt wird. Offenbar ist es gerade die erlebte Ausgrenzung, die Salcedo zwingt, herkömmliche Werte zu hinterfragen. Genau aus dieser Konstition des Helden bezieht das Buch seinen Reiz. Nicht zufällig betonte Udo Samel die Unsicherheit des Salcedo. Bei wörtlicher Rede driftete der Sprachduktus immer wieder ins Stottern ab, um den Antihelden zum Leben zu erwecken. Samel hatte die vorgetragenen Textpassagen selbst zusammengestellt und war dabei so behutsam vorgegangen, dass Auslassungen kaum hörbar wurden. Die sich auf über 400 Seiten erstreckende Geschichte des Buches wurde in nur eineinhalb Stunden ausgebreitet. Das Buch sollte im Vordergrund stehen, Delibes der Star des Abends sein, in dessen Dienst Samel sich stellte. Leider galt dies nicht für die musikalischen Untermalungen. Düsteres Getrommel erinnerte an Musik aus Ritterfilmen und banalisierte die Stimmung.

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