LESUNG UND GESPRÄCH Bachmann-Preisträger Lutz Seiler : Abfahrt Turksib

Gregor Dotzauer

Als er aus seinem literaturlosen Leben erwachte, dämmerte das Land, dessen Müdigkeit ihm schon als Kind in die Knochen gefahren war, gerade seinen letzten Atemzügen entgegen. Erst „mit 21 Jahren, während meiner Zeit beim Militär, begann ich zu lesen“, hat Lutz Seiler, 1963 im thüringischen Gera geboren, erklärt. „Gleichzeitig begann ich zu schreiben. Warum gerade das, ist mir bis heute unerklärlich. Vor meinem Grundwehrdienst hatte ich drei Jahre im Bauwesen gelernt und dann noch einmal drei Jahre als Maurer und Zimmermann auf Baustellen gearbeitet. Nichts deutete in dieser Zeit auch nur ansatzweise auf Gedichte hin. Literatur interessierte mich nicht.“

Von außen betrachtet, wirkt die Geburt des dichtenden „Spätlings“, wie er sich nannte, und das Sterben der DDR weniger geheimnisvoll. Nicht nur, dass auch jedem Ende ein Zauber innewohnt, das Vermögen, mit Wörtern einer diffus erinnerungsgesättigten Welt Farben und Konturen zu verleihen, musste bei ihm erst reifen. So gelang es Seiler , in drei Gedichtbänden „das grobgekörnte dieser jahre“ in eine halluzinatorische Überschärfe zu verwandeln, und dass er so lange ohne eine eigene Sprache für die dunkle Romantik der Abraumhalden rund um sein Kindheitsdorf Korbußen gelebt hatte, machte jedes einzelne Wort kostbar. Der Ingeborg-Bachmann-Preis, den er dieses Jahr in Klagenfurt für seine Reiseerzählung „Turksib“ erhielt, galt zwar einem Autor, der als Lyriker mit Auszeichnungen überhäuft worden ist, als Erzähler von lateinischer Klarheit aber noch zu entdecken ist – in Lesung und Gespräch im Literaturforum. Gregor Dotzauer

Literaturforum i. Brecht-Haus, Di 9.10., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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