Lesungen : Der Doktor rät: Multipliziere dich

Beam me up, Scotty! Das wäre die einzige Möglichkeit, das literarische Veranstaltungsdickicht der nächsten Tage zu durcheilen.

Thomas Wegmann

Warum ausgerechnet in der letzten Woche des ersten Monats im Jahr die halbe schreibende Welt in Berlin vorliest, ist ähnlich rätselhaft wie der massenhafte Absturz von Vögeln in letzter Zeit.

Das beginnt schon heute Abend in der Akademie der Künste (Pariser Platz): Da präsentiert Hans Magnus Enzensberger, der sich ansonsten bei Lesungen eigener Texte eher ziert, um 20 Uhr seine beiden neuen Bücher. Das eine ist weiß, das andere schwarz, das eine heißt „Album“ und stellt eine Art Sudelbuch dar, eine Sammlung höchst unterschiedlicher Kurztexte. Das andere heißt „Meine Lieblingsflops, gefolgt von einem Ideen-Magazin“ und kreist auf amüsante Weise um das, was der Titel verspricht, um Enzensbergers Misserfolge. Fast gleichzeitig, um 20.30 Uhr, widmet sich Radio Hochsee im Kaffee Burger (Torstr. 60) einem fast vergessenen Maler, Grafiker und Satiriker. Heino Jaeger (1938–1997) wurde Ende der sechziger Jahre vor allem mit seinen vom Saarländischen Rundfunk produzierten Serien „Fragen Sie Dr. Jaeger“ und „Das aktuelle Jaegermagazin“ zu einer Kultfigur, die nach eigenen Angaben über fünf Kinder, aber nur einen Fernsehapparat verfügte. Neben Bild- und Tondokumenten von Jaeger selbst wird auch Jan Böttcher zu hören und zu sehen sein, Schriftsteller, Sänger und bekennender Fan des norddeutschen Humoristen.

Zur selben Zeit aber könnte man auch Ferdinand von Schirach zuhören, der ebenfalls um 20.30 Uhr in Lehmanns Buchhandlung (Hardenbergstr. 5), die neuerdings Lehmanns Media heißt, aus seinem letzten Erzählungsband „Schuld“ liest. Wenn man denn schon eine Karte hat, denn an der Abendkasse gibt es allenfalls noch Restkarten.

Und so geht es weiter in den nächsten Tagen: Am Donnerstag liest Harald Martenstein um 20 Uhr in der zitty Leserlounge im Berghain (Panoramabar, Rüdersdorfer Str. 70) aus seinem Roman „Gefühlte Nähe“, während Thomas Lehr im Literaturforum im Brecht-Haus seinen Roman „September. Fata Morgana“ vorstellt, mit dem er es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2010 schaffte. Darin verknüpft er auf ästhetisch avancierte Weise nicht nur das Leben zweier Familien, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, sondern auch Orient und Okzident und damit zwei Kulturkreise.

Man könnt den Abend aber auch im Roten Salon der Volksbühne verbringen, wo Falko Rademacher um 20 Uhr sein „Buch für Berlinhasser – fast eine Liebeserklärung“ vorstellt. Und wem das alles und überhaupt zu viel ist, bleibe einfach zu Hause und denke in aller Ruhe über den Titel von Horst Evers’ neuem Buch nach: „Für Eile fehlt mir die Zeit“. Die Lesung hat er in jedem Fall verpasst, die war nämlich gestern.

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