LESUNGNuruddin Farah „Gekapert“ : Zerrissen und vergessen

Alexander Leopold

Er wolle mit seinen Büchern, hat Nuruddin Farah einmal gesagt, „sein Land am Leben erhalten“. Sein Land ist das ostafrikanische Somalia, wo Farah 1945 in Baidoa geboren wurde. 1974 musste der heutzutage in Kapstadt lebende Farah vor den Schergen des Diktators Siad Barre aus seiner Heimat fliehen: Er wurde zum Tode verurteilt und zur Persona non grata erklärt. Es folgten Jahre des Exils überall auf der Welt, bevor Farah 1996 Somalia erstmals wieder besuchen konnte.

Tatsächlich ist das Land am Horn von Afrika heute noch, nach zwei Jahrzehnten Militärdiktatur und einem sich genauso lange anschließenden Bürgerkrieg, ein kaputtes, zerrissenes, alles andere als lebenswertes Land. Es ist der Welt trotz des Bürgerkriegs aus dem Blick geraten – es sei denn, Piraten entern mal wieder ein aus Europa, den USA oder Asien stammendes Schiff. Umso wichtiger ist es, dass Farah das Land am Leben zu erhalten sucht: mit Geschichten, die dort angesiedelt sind, Romanen wie „Links“ und „Netze“, den ersten einer Somalia-Trilogie. Sein jüngst auf Deutsch erschienener Roman „Gekapert“ ist nun der Abschluss dieser Trilogie. Darin kehrt der seit Jahren im Exil lebende Jeblech nach Mogadischu zurück, begleitet von Schwiegersohn Malik, der als Journalist über die Unruhen und den Islamismus in der Region schreiben will. Auch Maliks Bruder landet in Somalia, und der wie sein kürzlich verstorbener afrikanischer Kollege Chinua Achebe auf Englisch schreibende Farah zeichnet hier ein beeindruckend vielgestaltiges, bewegendes und bestürzendes Bild dieses Landes. Alexander Leopold

Deutsches Theater, Mo 17.6., 20 Uhr, 8 €

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