Lethems Memoiren in Fragmenten : Ich bin eine subversive Termite

Jonathan Lethem erfindet sich seine intellektuelle Autobiografie.

Marianna Lieder

Unter den US-amerikanischen Schriftstellern der mittleren Generation gilt der 1964 geborene, im vorgentrifizierten Brooklyn aufgewachsene Jonathan Lethem als notorischer „Genre-Bender“, der in rasanter Beiläufigkeit Gattungen und Stile mixt: Elemente des Hard-Boiled-Krimi mit Science-Fiction wie in seinem Romandebüt „Der große Schlaf“, Coming-of-Age-Story und Mafia-Geschichte wie in „Motherless Brooklyn“, Lethems erstem großen Erfolg von 1999. Oder er lässt in einem hyperrealistischen Gesellschaftspanorama „Chronic City“ Ungeheuer wie einen mysteriösen Tiger auftreten, der nachts in den Straßenschluchten von Manhattan wütet.

Jetzt sind Lethems „Bekenntnisse eines Tiefstaplers“ erschienen. Der Nonfiction wird der Band in den USA zugeordnet. Die deutsche Rubrik Sachbuch ist nur bedingt geeignet, eine Vorstellung des schillernden Gattungspanoptikums zu vermitteln, das Lethem auffächert: Jugenderinnerungen, ein wenig Gossip um seinen Namensvetter Jonathan Franzen und den ehemaligen Studienkollegen Brett Easton Ellis. Essays über Filme und Musik, erste Literaturrezensionen, Interviews und Reportagen in New-Journalism-Manier.

Auf fast jeder Seite huldigt Lethem seinen Meistern, denen aus dem klassischen Kanon wie denen aus der Fantasyliteratur, Western- und Comic-Heftchen, aus dem Indiepop oder von der Leinwand. Philip K. Dick, Norman Mailer, Italo Calvino, John Cassavetes, Spiderman, John Wayne, Jorge Luis Borges, Marlon Brando, Bob Dylan, James Brown: Sie alle haben ihren Auftritt. Im Zentrum steht der Essay „Einflussexstase“. Zunächst handelt es sich dabei um Lethems euphorisches Bekenntnis zu einer Kunst, die sich aus anderer Kunst speist, und dies nicht erst im Zeitalter des Filesharing. Verwiesen wird auf die Collagen des Surrealismus, Pop Art, Konkrete Musik. Vor allem die Literatur, so heißt es, befinde sich „schon lange in einem Zustand der Plünderung und Zerfledderung". Man denke nur an Nabokov, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach von der Kurzgeschichte eines Berliner Journalisten zu „Lolita“ inspirieren ließ oder an T. S. Eliots Gedicht „The Waste Land“.

Zweitens prangert Lethem die Auswüchse des Copyrights an. Naturgemäß hat er dabei amerikanische Gepflogenheiten im Blick. Anders als beim deutschen Urheberrecht geht es beim US-Copyright nicht vorrangig um die Interessenwahrung des „schöpferischen“ Individuums, sondern um die rigide Reglementierung des ökonomischen Nutzungsrechts, von dem in erster Linie Konzerne profitieren. So werden etwa Künstler vom Disney-Imperium verklagt, wenn sie Micky Mouse in einer Installation verwenden. Drittens ist Lethems Text selbst ein komplettes Plagiat, eine freimütige Collage aus Zitaten von David Foster Wallace, Rolan Barthes, Mary Shelley, Michael Maar und anderen, die fein säuberlich am Ende aufgelistet werden.

„Einflussekstase“ ist ein anregender „lyric essay“ anglo-amerikanischer Prägung. Es geht dabei weniger um stringente Argumentation, sondern um die emphatische Illustration der Überzeugung, dass die Originalität eines Autors und sein beherzter Griff in fremde Gedankenschätze kein Widerspruch sind. (Ähnlich verfuhr David Shields unlängst in seinem Manifest „Reality Hunger“).

Jonathan Lethems „kreatives Plagiat“ erschien 2007 unter dem Titel „The Ecstasy of Influence“ erstmals in „Harper’s“. Die rückblickende Bestandsaufnahme, die der Verfasser nun hinzugefügt hat, ist weniger geglückt. Deutlich wird nur, das Lethem sich mittlerweile darüber ärgert, die Monate nach der Erstveröffentlichung des Textes auf Podien und Tagungen verbracht zu haben, und vor allem, dass er niemanden vor den Kopf stoßen wollte. Nicht als Debattenbeiträger habe er sich geäußert, sondern als „Schelm“, vulgo: Künstler. Nicht nur an dieser Stelle liegt etwas enervierend Defensives in der mäandernden Selbstetikettierung. Befremdlich wirkt vor allem die unverwüstliche Frische, mit der Lethem gut abgehangene postmoderne Topoi weitschweifig verhandelt: Text ist Intertext, Ich ist ein anderer, jedes Werk entfernt sich irgendwann vom Autor, der es schließlich „mit derselben Unschuld“ entschlüsseln müsse wie alle anderen auch.

Lethem gehört zu den unterhaltsamsten und einfallsreichsten amerikanischen Romanciers seiner Generation. Das Ärgerliche ist nur, dass er den Leser um jeden Preis von beiden Qualitäten überzeugen möchte. Leicht anbiedernd wirkt auch, wie er sich beständig an der eigenen Berühmtheit abarbeitet. So stimmt er immer wieder einen Lobgesang auf die „Subkultur“ an. In einem Kapitel etwa feiert er die talentierten, vom Mainstream verkannten Underdogs als Vertreter der „Termitenkunst“. Umständlich inszeniert er sein Leiden daran, dass er selbst, der seit mindestens einem Jahrzehnt Mainstream-Erfolge feiert, also ins Lager der „Elefantenkunst“ gehört, nicht umhin kann, sich doch noch für eine Termite zu halten.

Lethem setzt auf seine Begabung zur gedanklichen Pirouette. Weil er es damit allerdings übertreibt, gerät die Lektüre der „Bekenntnisse“ oft zur Mühsal. Wer es dennoch bis auf die vorletzte Seite schafft, stößt dort auf den Satz: „Es liegt wohl eine Gefahr darin, dass die Übung, die ich beim Einsatz sprachlicher Mittel habe, meinen persönlichen Meinungen erlaubt, meinem Hirn zu entfliehen.“ Diesmal handelt es sich nicht um kalkulierte Tiefstapelei, sondern um ungeschönte Selbsterkenntnis.Marianna Lieder

Jonathan Lethem: Bekenntnisse eines Tiefstaplers. Memoiren in Fragmenten. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. Tropen Verlag, Stuttgart 2012. 339 Seiten, 21,95 €.

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