Kultur : Let’s talk about Gott

Die Religion der anderen: Was der Papst in Regensburg über den Islam gesagt hat – und was er versäumte

Thomas Lackmann

Das schwarze Heiligtum, dem die Pilger ihre Küsse aufdrücken, liegt weit von Altötting oder Tschenstochau. Den sächsischen Freiherrn Heinrich von Maltzan graut es bei dessen Anblick ein wenig. „In diesem Augenblick“, schreibt er, „vergaß ich mein eigenes Ich gänzlich.“ Der evangelische Christ wird durch das Erlebnis Mekka überwältigt. „Eine finstere Dämonenburg erschien mir diese Kaaba, die wie ein koboldartiger Alp auf der Religion des Islam lastet und jeden freieren Aufschwung in ihr verhindert.“ Dem reineren Monotheismus sei all das, die Kaaba, der Pilgerdienst gänzlich fremd. Mit der Übernahme dieses „götzendienerischen Elements“ habe Mohammed seine Religion „für ewig zu einem Kultus von barbarischer Roheit gestempelt“. Er selbst jedoch, als Wallfahrer verkleidet, sei genötigt gewesen, vor dem Heiligtum größte Ehrfurcht an den Tag zu legen.

Der orientbegeisterte Forschungsreisende des Jahres 1860 hat – wie heutige Verteidiger des Korans gegen Terrorismusvorwürfe – guten und bösen Islam zu unterscheiden gesucht, und zugleich die Religion des Propheten abgelehnt. Das hat dem Theologen-Papst Ratzinger bis vor kurzem keiner unterstellt. Immerhin liegen zwischen Maltzan und Ratzinger 140 Jahre christlicher Missionsarbeit, katholischer Selbstmodernisierung und Dialogprojekte. Doch vergangenen Dienstag hat der deutsche Papst in Regensburg drei Reden gehalten. Bei einer ökumenischen Vesper – mit Orthodoxen, Protestanten und „jüdischen Freunden“ – beschwört er Gemeinschaft und Dialog. Bei einer Open-Air-Messe thematisiert er den vernünftigen Glauben an Gott. Die dritte Ansprache hält er in der Universität.

Diese Ansprache umkreist die Kommunikation aller Wissenschaften mit der Theologie: den „inneren Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft“. Dann zitiert Benedikt XVI. einen historischen Dialog über den Heiligen Krieg: zwischen einem persischen Gelehrten und dem byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos, niedergeschrieben während der osmanischen Belagerung Konstantinopels um 1400. Sicherlich wusste Manuel II., meint der Papst, dass Mohammed in einer seiner ersten Koran-Suren jede gewaltsame Bekehrung ausgeschlossen habe. Sicher seien dem Byzantiner aber auch die späteren Suren über den Dschihad bekannt gewesen. Der Kaiser habe gegenüber seinem muslimischen Gesprächspartner rhetorisch zugeschlagen und in „uns überraschend schroffer Form“ gesagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Gewaltsame Glaubensverbreitung widerspreche dem Wesen Gottes, weil es diesem zuwider sei, „nicht vernunftgemäß“ zu handeln. Um eine vernünftige Seele zu überzeugen, brauche man keine Drohungen, sondern richtige Argumente.

Für den mit griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner, so der Papst, war diese Aussage selbstverständlich. „Für die moslemische Lehre hingegen“ – Benedikt XVI. zitiert Adel Theodor Khoury, einen libanesisch-christlichen Islamwissenschaftler aus Münster – „ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit.“ Von muslimischen Theologen höre man, dass nichts Allah dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren.

Der Papst hebt nun noch zu einem Überflug vom Hellenismus bis zur Gegenwart an, spricht über die Deutung des neutestamentlichen Logos, die Person des Gottessohnes als „Wort und Vernunft zugleich“ und plädiert für eine gläubige „Ausweitung des Vernunftbegriffs“. Ein langer Vortrag, die Heimkehr des Professors an sein altes Katheder.

Aus all dem ist in den letzten Empörungstagen nicht etwa die irrational getönte Charakteristik Allahs aufgespießt worden. Der Zorn von Demonstranten, Predigern und Funktionären, die weltweit und in Deutschland eine Entschuldigung oder die Bestrafung des katholischen Oberhaupts wegen Verleumdung ihres Propheten fordern, bezieht sich auf das Zitat des 1421 als Freund Sultan Mehmed I. gestorbenen Imperators Manuel II. Die Türkei diskutiert, ob der Papstbesuch gecancelt werden soll, in Indien brennt eine Benedikt-Puppe, in Gaza wurden Brandsätze gegen zwei Kirchen geschleudert. Die Beleidigten geißeln als Kampfansage, was Verteidiger des Papstes zum Missverständnis herunterspielen.

Stoppt der Konzilstheologe Ratzinger den seinerzeit durch sein II. Vatikanisches Konzil inspirierten Dialog? Als die Dekrete dieser Versammlung vor 40 Jahren formuliert wurden, hieß es, die katholische Kirche lehne nichts von alledem ab, was in anderen Religionen wahr und heilig sei. Gottes Heilswille umfasse „besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird“. Die Kirche betrachte diese Gläubigen, die sich „mit ganzer Seele“ um die Unterwerfung auch unter Gottes „verborgene Ratschlüsse“ bemühen, mit Hochachtung. Das ist mehr als die simulierte Ehrfurcht des falschen Pilgers Maltzan.

Einem Dialog light, der auf kleinstem gemeinsamem Nenner Differenzen nivelliert und eigene Identität weichspült, konnte der Dogmatiker Ratzinger allerdings nie etwas abgewinnen. Mit den Friedenstreffen der Weltreligionen, wie sie von Johannes Paul II. protegiert wurden, hat er kaum sympathisiert; eine solche Konferenz ist gerade in Kasachstan zu Ende gegangen, unter Beteiligung eines Kurienkardinals.

1972, als Regensburger Ordinarius, hat Joseph Ratzinger einen Aufsatz über „Das Problem der Absolutheit des christlichen Heilswegs“ veröffentlicht, in dem der personale, theistische, die Trennung von Schöpfer und Geschöpf betonende Religionstypus des Westens jener Mystik asiatischer Religionen gegenübergestellt wird, die eine trennungslose Verschmelzung mit dem Göttlichen anstrebt. Ratzinger fragt, ob der christliche Glaube als westliche Spielart zu betrachten sei – und zitiert den indischen Theologen J. A. Cuttat: „Im Punkt, wo Orient und Okzident sich begegnen und trennen, erhebt sich das Kreuz des neuen Adam.“ Durch dessen Menschwerdung seien zwei getrennte Welten zusammengeführt worden.

Christentum bedeute nicht nur Vereinigung von Gott und Mensch, auch Vereinigung von Mensch und Mensch. Der Satz des Apostels Paulus – „Ihr seid ein Einziger in Christus Jesus“ – übertreffe die asiatische Einheitsmystik. Auffällig an diesem interkulturellen Theologie-Entwurf, der das Judentum zumindest erwähnt, ist die Abwesenheit des Islam, dem der Dogmatiker schon damals keinen substanziellen Beitrag abgewinnen konnte.

Ist es möglich, dass der brillante Analytiker Benedikt XVI. bei seinem Regensburger Plädoyer für die göttlich-menschliche Vernunft ein kommunikatives Formtief hatte? Den Primat der Vernunft hatte Ratzinger schon in seinem Klassiker „Einführung in das Christentum“ gefeiert: „Das Modell, von dem aus Schöpfung verstanden werden muss“, sei nicht der Handwerker, sondern das Denken in schöpferischer Freiheit. Und die Freiheitsidee sei das Kennzeichen des christlichen Gottesglaubens gegenüber jeder Art von Monismus.

In diesem Programm der vernünftigen Vielfalt, das dem Auditorium der Regensburger Aula Magna nochmals dargelegt wurde, sind ideologische Konflikte mit islamischem Staatskirchentum vorgezeichnet. Einen Brückenschlag wie den Hinweis auf die lange Genese der Religionsfreiheit in christlichen Gesellschaften oder einen Seitenblick auf Stärken muslimischer Spiritualität wie die Ehrfurcht vor der Erhabenheit Gottes hat der Referent versäumt. Die aus dem Karikaturenstreit bekannte kalkulierte Hysterie hätte er so allerdings kaum verhindert.

Rückschlüsse auf den Start eines intellektuellen Kreuzzugs lassen die akademischen Pannen gleichwohl nicht zu. Benedikt hat vielmehr dreierlei versäumt. Er hat der Irritation durch das Vortagsdatum 9/11 nicht Rechnung getragen. Er hat die Möglichkeit, im Kollegenkreis nur den anregenden Religionsphilosophen geben zu können, falsch eingeschätzt. Und er hätte die Distanzierung des erfahrenen Taktikers Ratzinger von der „schroffen“ Attacke des orthodoxen Kaisers emotionaler artikulieren können.

Doch der Papst verweigerte sich dem Schmusekurs der multicultural correctness. Die Völker Afrikas und Asiens hat er zwar gelobt, weil sie Sinn für Spiritualität und Ehrfurcht vor dem Heiligen bewahren. Aber die Vernunfttradition des Abendlandes hat er, wenn auch eingeschränkt, als positiven Exportartikel hingestellt und zugleich gemahnt: Die Ignoranz des Westens gegenüber den innersten Überzeugungen anderer gefährde den Dialog.

Und er hat den Koran nicht geküsst, was in Bayern eher blöd ausgeschaut hätte. Sein Vorgänger hat das 1997 in Beirut getan. Das Foto, auf dem Johannes Paul II. einen grünen Prachtband an die Lippen drückt, wird im Internet kontrovers diskutiert: Muslime befürchten die Vereinnahmung, Christen die Unterwerfung unter Mohammed. Das ist das Auftrittsproblem der katholischen Kirche, die ihren Anspruch, die Fülle der Wahrheit zu enthalten und in sich aufzunehmen, gern liebevoll verkünden würde. Wie umarmt man, ohne zu erdrücken? Benedikt XVI. (Bischofsmotto: „Mitarbeiter an der Wahrheit“) wird nun auch von den Grünen kritisiert. Er stelle geschichtsblind das Christentum über andere Religionen. Seine Rede in der Aula Magna ist auf der Vatikan-Homepage als einziger Text der Deutschlandreise mit dem Zusatz versehen: Der Heilige Vater behalte sich eine spätere Veröffentlichung samt Anmerkungen vor. „Die vorliegende Fassung ist also als vorläufig zu betrachten.“

Wir arbeiten dran. Die Imame von Djakarta werden diese Fußnoten kaum noch lesen wollen.

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