Kultur : Letten, dass

Längst mehr als ein Berliner Festival: Young Euro Classic startet im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

Frederik Hanssen

Sechs Stimmen, eine Meinung – im EU- Parlament kommt das selten vor. Wenn sich aber 1500 junge Europäer für „Young Euro Classic“ in Berlin zusammenfinden, formt sich vor jedem Konzert der Klang von sechs Instrumenten zu einem gemeinsamen, wohlklingenden Akkord. Schon als das Festival im Sommer 2000 zum ersten Mal im Konzerthaus am Gendarmenmarkt stattfand, gab es eine verbindenden Festivalhymne. In diesem Jahr hat sie der litauische Komponist Anatolijus Senderovas komponiert. Seine „Fanfaren“ starten mit dem ziemlich jazzigen Sechston-Akkord und bleiben dann luftig-heiter, die Blechbläser imitieren mal Glockenklang, mal einen Brucknerschen Choral, streuen ein paar sanfte Dissonanzen ein und enden wieder im Swing-Gestus.

Ein entspannter Start in das fünfte „Young Euro Classic“ im angenehm kühlen, bis auf den allerletzten Platz gefüllten Konzerthaus. Dementsprechend gut ist die Laune. Vor allem Hamburgs neue Kultursenatorin Karin von Welck gerät ins Schwärmen: „So etwas hätten wir auch gerne bei uns. Um dieses Festival wird Berlin beneidet.“ Lobende Worte für das Jugendorchestertreffen finden auch der Vertreter des diesjährigen Hauptgeldgebers, Alexander Farenholtz von der Bundeskulturstiftung, und, als Sprecher der Sponsoren aus der Wirtschaft, Richard Gaul von BMW, der sich eine kleine Schleichwerbungsattacke nicht verkneifen kann und den Nachwuchsmusikern so viel Gage wünscht, dass sie sich bald einen Rolls-Royce leisten können.

Die Tatsache, dass kein Vertreter der Berliner Politik das Wort ergriff, mögen Optimisten als Zeichen dafür werten, dass Young Euro Classic längst kein regionaler Sommerlochfüller mehr ist, sondern ein national bedeutendes Festival. Oder interessiert sich in der Hauptstadt nur einfach niemand für dieses Musikfest, aus dem Berlin einen riesigen Imagegewinn zieht, ohne dafür einen müden Euro hinblättern zu müssen? Wahrscheinlich brütete Kultursenator Thomas Flierl gerade mal wieder über der Frage, wie er nach der Schließung der Berliner Symphoniker weitere 5,6 Millionen Euro bei den Orchestern der Stadt einsparen soll. Wenn ihn der Senat tatsächlich zwingt, ein weiteres Ensemble zu opfern, sollte er darauf bestehen, wenigsten ein paar Hunderttausend Euro für die Förderung von „Young Euro Classic“ zur Seite legen zu dürfen – um zu verhindern, dass das Festival in eine andere Stadt abwandert – zu Frau von Welck nach Hamburg zum Beispiel.

Wie gerne sich das Publikum von der Begeisterung der jungen Musiker anstecken lässt, war beim Eröffnungskonzert mit dem Symphonieorchester der Vitols Musikakademie aus Lettland wieder zu erleben. Und das, obwohl der Abend alles andere als beglückend verlief. Die Schuld daran trägt ausschließlich Andris Vecumnieks. So ein rasantes Tempo, wie es der Dirigent in den letzten beiden Sätzen der vierten Tschaikowsky-Sinfonie einforderte, bekommen wohl nur die Berliner Philharmoniker hin. Nachwuchsinstrumentalisten sind damit schlicht überfordert. So verwischten die Pizzicato-Passagen zur Unkenntlichkeit, verkam das Allegro con fuoco zur Krachmacherei.

Als ziemlich kontraproduktiv zum Anliegen der Festivalmacher, Musik von heute zu präsentieren, stellte sich auch Vecumnieks’ Auswahl für den ersten Konzertteil heraus. Juris Karlsons’ „Koana“ entstand zwar 2003, klingt allerdings in ihren naiven Tonmalereien stark nach staubiger Kulturpalast-Musik.

Dass die Komponisten der neuen Beitrittsländer eher gen Amerika schauen als nach Donaueschingen oder zum Pariser Ircam, war schon bei Senderovas’ „Fanfaren“ zu hören. So platt altbackene Barmusiktricks zu kopieren wie Vecumnieks in seinem „Konzert für Saxophon und Klavier“ (ebenfalls von 2003) muss man sich erst einmal trauen. Trotz der virtuosen Solistenbrüder Oskars und Raimonds Petrauskis taugt diese klingende Zuckerwatte allenfalls als Fahrstuhlmusik für den Lift im europäischen Haus.

Nicht nur Musik, das musste man hier lernen, sondern eben auch schlechter Geschmack überwindet alle Grenzen.

Bis 22. August, Infos: www.young-euro- classic.de oder Telefon 030/53 02 60 60.

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