Kultur : Letzte Chance für Lusitanien

Figo, Fado und die Fußball-Europameisterschaft: Der Mythos der Verlierer prägt die portugiesische Kultur

Rüdiger Schaper

Kurz vor der Europameisterschaft im eigenen Land hat das gepflegte Loser-Image der Portugiesen einen dicken Kratzer bekommen. Der FC Porto besiegte im Endspiel der Champions League den AS Monaco 3:0. Und was noch erstaunlicher war als das Ergebnis: Der Sieg wurde, sämtlichen Erfahrungen und Klischees des portugiesischen Fußballs zum Trotz, souverän, locker und zielstrebig herausgespielt.

Sie können ja so schön spielen – und auch so launisch –, und stehen nachher meist als Verlierer da. Zuletzt, und das ist siebzehn Jahre her, hatte eben jener FC Porto über den FC Bayern triumphiert. Ein nonchalanter Hackentrick von Madjer, dem algerischen Stürmer, entschied damals das Finale des Europapokals der Landesmeister. Noch länger, über vier Jahrzehnte, liegt die große Zeit des legendären Teams von Benfica Lissabon zurück. Benfica gewann 1961 und 1962 die europäische Krone.

Portugiesische Vereinsmannschaften feiern gelegentlich große internationale Erfolge, die portugiesische Nationalmannschaft hingegen: nie. Sie hat tatsächlich noch nie einen Titel gewonnen. Da klingt die Nationalhymne, die am Samstag beim Eröffnungsspiel der Gastgeber gegen Griechenland ertönen wird (und hoffentlich auch am 4. Juli, beim Finale), fast ein bisschen wie Hohn: Helden des Meeres, edles Volk/Tapfere, unsterbliche Nation/Richtet heute den Glanz/Portugals wieder auf!/Aus den Nebeln des Erinnerns/O Vaterland, ertönt die Stimme/Deiner ehrwürdigen Vorväter/Die Dich zum Siege führen wird.

Ehrwürdige Vorväter des portugiesischen Fußballs? Es kann nur Eusebio gemeint sein, der Wunderspieler: Er führte mit seinen Toren Benfica an die europäische Spitze – und die Nationalmannschaft 1966 bei der Weltmeisterschaft in England zu ihrem bis heute unerreichten Höhepunkt. Mit Eusebio, dem Schwarzen aus Mocambique, wurden die Portugiesen Dritter. Bei der WM 2002 in Asien schieden sie in der Vorrunde aus, bei der Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien scheiterten sie im Halbfinale. Von Tragik oder Peinlichkeit umweht, so gingen die Rotgrünen meist dahin.

Und nun laufen sie wieder mit himmelhohen Hoffnungen auf, einer glorreichen Vergangenheit hinterher. Luis Figo und Rui Costa, die bestimmenden Persönlichkeiten des portugiesischen EM-Teams, waren 1991 Juniorenweltmeister; sie schlugen damals im Endspiel den brasilianischen Nachwuchs, was den Mythos umso prächtiger gedeihen ließ. Man spricht von der „ goldenen Generation“, die in die Jahre kommt. Die ihre letzte Chance hat, einmal die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Figo, Jahrgang 1972, war 2001 Weltfußballer des Jahres, ein Mann mit sagenhafter Kurventechnik und Schusskraft in den Beinen. Im Jahr zuvor war er vom FC Barcelona zu Real Madrid gewechselt, für 65 Millionen Euro. Dieser Rekord-Transfer belastete ihn schwer.

Im Widerspruch von Versprechen und Vermögen offenbart sich die gequälte portugiesische Seele. Der Fußball ist ihr Spiegelbild. Als erste globale Macht der Weltgeschichte dehnten die Portugiesen, diese handtuchschmale Nation, ihre Einflusssphäre von Lateinamerika bis Japan aus, sie brachen 1580 unter der Last zusammen. In der Schlacht vom 4. August 1578 gegen die Mauren verschwand der geschlagene Portugiesenkönig Sebastiao unter ungeklärten Umständen. Die Sehnsucht nach der Rückkehr des mystifizierten Ritters wurde zum Topos der portugiesischen Literatur. Eusebio, der begnadete Fußballer, hatte etwas von diesem Märchenkönig. Und Figo? Hat er seine Landsleute nicht zu oft enttäuscht? Oder wird Deco, das junge Mittelfeldwunder vom FC Porto, der eingebürgerte Brasilianer, die Lichtgestalt der portugiesischen EM?

Hybris war beim Fall des hundert Jahre währenden portugiesischen Weltreichs natürlich auch im Spiel, von Anfang an. Oder Pech? Kolumbus wollte ursprünglich unter Portugals Flagge westwärts nach Indien segeln, aber der portugiesische Hof gab ihm einen Korb, und der scheinbar verrückte Genueser wandte sich gen Spanien. Der Dichter und Seefahrer Camoes hat im 16. Jahrhundert, als alles schon zu Ende ging, das Portugal der Entdecker und Eroberer in seinen „Lusiaden“ zum Mythos erhoben. Zum Mythos der ewigen Verlierer: Die Füße, die von Stern zu Sterne gehen/Durchbohren muss sie nun der spitze Stahl.

Schwebende Schwermut durchzieht die Werke portugiesischer Dichter, zumal in der Neuzeit. Fernando Pessoa, dunkler als Kafka, verlorener als Proust, setzte der existenzialistischen Melancholie Portugals das größte Denkmal, indem er, im Brotberuf Handelskorrespondent, Weltliteratur für die Schublade schrieb. Pessoas Œuvres, an die 28 000 Texte (!), wanderten zu Lebzeiten unveröffentlicht in große, schwere Truhen. Ich bin nichts./Ich werde nie etwas sein./Ich kann auch nichts sein wollen./Abgesehen davon, trage ich in mir alle Träume dieser Welt, so der Beginn des „Tabakladens“, Fernando Pessoas berühmtestem epischen Gedicht. Er starb 1935 in Lissabon. Seinen Grabstein findet man im Umgang des Hieronymitenklosters von Bélem. Dort, am Téjo, steht das Denkmal der Entdecker, 1960, zum 500. Todestag Heinrichs des Seefahrers, errichtet. Eine Schar von Helden drängt hinaus aufs Meer, wie elf Spieler, die aus der Kabine in die Arena kommen, zum Anstoß.

Hört man nicht manchmal ein Echo Pessoa’scher Verse, wenn die portugiesische Fußballnationalmannschaft auf dem Feld steht und an einem Titel vorbeisegelt, wie es so häufig geschah?

Portugals zeitgenössische Romanciers sollte man den Spielern während des Turniers vielleicht auch nicht zur Lektüre geben. Hier wuchert saudade, der zähflüssige portugiesische Blues. Der portugiesische Literaturnobelpreisträger José Saramago hat in seinem Roman „Das steinerne Floß“ die aparte Vision, dass sich Portugal vom Festland ablöst und auf den Atlantik hinaustreibt. Antonio Lobo Antunes bedröhnt den Leser mit seinen genialen Kakophonien, die über die schmutzige Kolonialvergangenheit des kleinen Landes („Der Judaskuss“, „Die Rückkehr der Karavellen“, „Portugals strahlende Größe“) herfallen, die von Drogensucht und Einsamkeit rhapsodieren und erbarmungslos die Erinnerung an die Diktatur Salazars wachhalten; der vorbildlichen Nelkenrevolution von 1974 zum Trotz, als junge portugiesische Offiziere ihr Land vom greisen Faschismus befreiten.

Ach Portugal! Das ist der Fado, die Sirenengesänge von Madredeus in Wim Wenders’ filmischer Liebeserklärung „Lisbon Story“. Der Fado kann einem einen Kater verpassen, ohne dass man ein einziges Glas trinkt. Fado ist eine Musik, die an Elfmeterschießen erinnert, an ferne Liebe und unerreichbare Inseln. Zu den unzerstörbaren Klischees des Fußballs gehört der Spruch von den Brasilianern, die auf dem Spielfeld Samba zelebrieren. Spielt uns Figo in den nächsten Wochen wieder Fado vor? Ein Musiker der Fado-Gruppe Quatro Ventos hat dazu das Passende gesagt: „Es wäre kein Fado, wenn wir wüssten, wie es ausgeht.“ Wie beim Fußball.

Lusitaniens Loser? Figo und Co. kämpfen mit dem eigenen Mythos. Er ist ihr stärkster Gegner. Deutschland und Portugal können frühestens im Halbfinale aufeinander treffen.

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