Kultur : Letzte Chance zum Neudenken (Kommentar)

Bernhard Schulz

Die Museumsinsel beflügelt die Phantasie. Nachdem Gerhard Schröder Anfang Oktober - als erster Bundeskanzler überhaupt - zur Zukunft der Insel gesprochen hat, spinnt Peter-Klaus Schuster den Faden weiter. Der neue Museums-Generaldirektor tritt kraftvoll aus dem Schatten seines lange Zeit so allmächtig scheinenden Vorgängers Wolf-Dieter Dube, der im zurückliegenden Jahrzehnt die Zukunftsplanung der Staatlichen Museen Berlins gegen alle Einwände festgezurrt hatte. Auf einmal wird (fast) alles zu Makulatur. Die Museumsinsel, bislang als monothematische Heimstatt der Archäologie ausersehen, soll zurückgewinnen, was ihr bereits vor Jahrzehnten abhanden zu kommen begann: den noblen Charakter des Universalmuseums. Damit eröffnet Schuster eine Diskussion aufs Neue, die zahlreiche Verwundungen hinterlassen hatte. Aber der Zeitpunkt ist richtig. Denn wer bejammern wollte, die Museen würden erneut in Unsicherheit über ihre zukünftigen Domizile gestoßen, verkennt, dass jetzt die beinahe letzte Chance zum Um-, zum Neudenken gegeben ist, ehe sich das Räderwerk der von den Architekten bereits in Planung genommenen Wiederaufbauarbeiten in Gang setzt. Zwei Milliarden Mark sind dafür in Aussicht genommen, zehn Jahre Bauzeit der Öffentlichkeit als Äußersteres des Zumutbarem versprochen: Wann, wenn nicht jetzt, könnte diesem Prozess noch einmal eine neue, glückhaftere Richtung gegeben werden ?

Wenn Politik die Kunst des Machbaren ist, greift Schuster allerdings beinahe nach den Sternen. Denn schon die Insel-Sanierung in ihrem bisher vorgesehenen Umfang stößt an die Grenzen dessen, was die Politik für den schönen Luxus der Kultur zu bewilligen bereit ist. Die neuen Ideen erfordern nochmals gesteigerte Ausgaben. Die neue Gemäldegalerie am Kulturforum dem 20. Jahrhundert zu widmen, hätte Umbauten an dem erst vor drei Jahren spektakulär eröffneten Gebäude zur Folge. Damit käme die Gestaltung des Kulturforums überhaupt aufs Tapet, die befriedigend zu lösen der Senat bisher außerstande war. Und nicht zuletzt wirft Schuster den Köder in Richtung Humboldt-Universität aus, die die Aussicht reizen muss, mit einem Institut auf dem Gelände der Alexanderkaserne beteiligt zu sein.

Bei seinem zwischenzeitlichen Fortgang nach München hatte Schuster den mangelnden Mut des alten Berlin beklagt. Was damals leicht gesagt war, unterstreicht Schuster jetzt mit dem ganzen Einsatz seines neuen Amtes. Er skizziert die Vision, die Berlin bislang nicht zu entwerfen wagte: nämlich die historische Mitte der Stadt tatsächlich zu jener "Freistätte für Kunst und Wissenschaft" zu machen, die schon das Leitmotiv der preußischen Museumsgründer vor mehr als 150 Jahren bildete. Diese Vision auf ein solides Fundament aus Finanzierbarkeit, politischem Willen und öffentlicher Zustimmung zu stellen, heißt die Aufgabe, die der Museums-"General" anstößt - gerade so, als wollte er als ein zweiter Wilhelm von Bode in die Annalen eingehen. Er kann es - wenn ihm glückt, was er an Hoffnungen weckt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben