Kultur : Letzte Fragen

Ewig, ewig: Kent Nagano und sein DSO in Prenzlau

Ulrich Amling

Die Turmfalken steigen in den Gewitterhimmel empor, aus den umliegenden Plattenbauten lehnen stumme Gestalten im Unterhemd. Dass sich hier, vor Prenzlaus Marienkirche, eine große Schar von Menschen einfindet, überrascht leicht bekleidete Anwohner und scheue Raubvögel. Das bedeutendste Denkmal der Stadt, ein imposanter Bau der norddeutschen Backsteingotik, wird nur zweimal im Jahr zu Gottesdiensten genutzt: am Reformationstag und zu Weihnachten. Das Kreuzgewölbe fehlt ebenso wie das Chorgestühl, Kriegsfolgen. Jetzt stehen auf der Wiese vor Sankt Marien zumeist aus Berlin angereiste Hundertschaften und erwarten das Auftaktkonzert der Brandenburgischen Sommerkonzerte.

Wie zu seiner Gründung kurz nach dem Mauerfall, fährt das Festival auch heute noch Städter aufs Land, bringt sie in den Genuss von selbstgebackenem Kuchen und macht sie mit den Schätzen des Brandenburger Kulturerbes bekannt. Doch die anfängliche Euphorie für das neu zu entdeckende Umland ist merklich geschwunden. Wie die Städte und Dörfer der Mark leiden auch die Brandenburgischen Sommerkonzerte an schwindender Jugend. Längst sind die jüngsten Festival-Teilnehmer die Musiker auf dem Podium. Die Macher versuchen ganz vorsichtig gegenzusteuern, etwa mit einem Schlagzeugprogramm des großen Percussionisten Peter Sadlo in Eisenhüttenstadt (9. Juli). Noch ist die Resonanz darauf gering. 15 Jahre Brandenburgische Sommerkonzerte: Eine Idee sucht nach ihrer Zukunft.

Kent Nagano und sein Deutsches Symphonie-Orchester eröffnen die Saison in Prenzlau mit einem nachdenklichen, fordernden, bewegenden Konzert. Mahler, Brahms, Bruckner: große Werke, letzte Fragen. Den langen Nachhall im Kirchenschiff integriert Nagano mit staunenswerter Konsequenz. Das Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Symphonie schwebt wie ein aus seiner Kapsel entstiegener Astronaut durch das All, Schönheit und Abschied unauflöslich verbunden. Der ins Unbekannte ragende Neuntonakkord entfaltet majestätisch sich wie aus den Pfeifen einer unsichtbaren Orgel.

Eine gute Prise Mahler steckt auch in Detlev Glanerts Orchesterfassung der „Ernsten Gesänge“ von Brahms. Da tanzt der Tod, der bittere, der süße, durch Sankt Marien, und nach der Entdeckung, dass dem Menschen vor allem die Liebe bleibe, schwingt das Werk wie Mahlers „Lied von der Erde“ mit sanftem, endlosem Flügelschlag aus. Ewig, ewig. Mit der 6. Symphonie setzen Nagano und seine hochmotivierten Musiker ihre aufregende Bruckner-Expedition fort, die Schluss macht mit dem Klischee eines musikalischen Kathedralenbauers. Denn hier ist alles in Unruhe, hier schwankt der Grund, bangt die Seele. Auch machtvolle Bläserchoräle formulieren Fragen, keine Antwort. Und der Blick wandert an den Säulen empor, bis zum fehlenden Kreuzgewölbe der Marienkirche zu Prenzlau.

Das DSO spielt dieses Programm noch einmal heute, 20 Uhr in der Philharmonie.

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