• Letzte Tage in Manchester - Das Präsidium der Zentrale in München entscheidet heute über den neuesten Sparplan

Kultur : Letzte Tage in Manchester - Das Präsidium der Zentrale in München entscheidet heute über den neuesten Sparplan

Sebastian Borger

Angeblich regnet es in Manchester ja immer. So lautet jedenfalls das Klischee, das Londoner gern über die nordenglische Zwei-Millionen-Stadt verbreiten. An diesem Novembertag aber scheint die Sonne. Nur der Wind pfeift, dass einem Hören und Sehen vergeht. Eiskalt pfeift er durch die Oxford Street, um das wuchtige Bürohaus aus rotem Backstein herum, in dessen vierter Etage das Goethe-Institut residiert.

In der gut sortierten Bibliothek blättern Teenager gerade in deutschen Zeitungen. Im Klassenzimmer "München" pauken Anfänger, im Saal "Dresden" die Fortgeschrittenen. Und im Saal "Berlin" treffen sich später, draußen ist es längst dunkel, elf fast perfekt Deutsch sprechende Erwachsene mit ihrem Lehrer Wolfgang Winkler zum Landeskunde-Kurs.

Auf dem Programm steht an diesem Abend Finanzminister Hans Eichels Sparpaket, Unterabteilung Goethe-Institut. Rasend schnell hat sich unter den Kursteilnehmern die Nachricht verbreitet: Das örtliche Institut, seit mehr als drei Jahrzehnten Anlaufstelle für alle, die an deutscher Sprache und Kultur interessiert sind, soll radikal verkleinert werden. Das Präsidium der Goethe-Zentrale in München entscheidet heute über den neuesten Sparplan. Derzeit organisieren weltweit noch 136 Filialen Kulturereignisse, bieten Deutsch-Kurse und Lehrerfortbildungen an und vermitteln so ein differenziertes Bild der Bundesrepublik im Ausland. Zum Jahresende werden zehn Institute ganz geschlossen. Dazu gehört auch die kleine Goethe-Filiale in York, 100 Kilometer östlich von Manchester. Überlegt wird auch die Schließung elf weiterer Institute. In Manchester soll danach nur ein kleines Lehrerfortbildungsbüro überleben, "das zu keiner sinnvollen Arbeit imstande wäre", wie Vertrauensleute des Instituts glauben. Sprach- und Kulturabteilung würden geschlossen.

Der Rückzug deutscher Institutionen aus Nordengland erfolgt in einer Zeit, in der die antideutschen Gefühle der Briten keineswegs geringer werden. Vor drei Jahren ergab eine Umfrage unter 10- bis 16-jährigen Schulkindern: 78 Prozent assoziierten Deutschland mit Hitler und dem Zweiten Weltkrieg. 28 Prozent hielten Deutschland für das ärmste Land Europas.

Die Abendkurs-Teilnehmer in Manchester wissen das natürlich besser - und fragen sich umso verwunderter, warum die reiche Bundesrepublik sich plötzlich auswärtige Kulturpolitik nicht mehr leisten kann. Die 40-jährige Sue, die an einer Oberschule Deutsch unterrichtet, findet noch etwas anderes merkwürdig: "Einerseits soll auf EU-Sitzungen immer Deutsch gesprochen werden, andererseits will Deutschland weniger dafür tun, dass die Leute auch Deutsch lernen. Das passt nicht zusammen."

Vielleicht passen einfach nur Außenminister Joschka Fischer und die auswärtige Kulturpolitik nicht zusammen. Das jedenfalls ist der resignierte Eindruck vieler Goethe-Leute. Auch die Berufung von Staatsminister Michael Naumann habe für ihre Belange nichts gebracht. Gleichzeitig wird im Hause Goethe auch viel Selbstkritik geübt: Jahrelang habe die Führung den Kopf in den Sand gesteckt, sich mehr für Schöngeistiges interessiert als für BAT-Tarife, Mietverträge und die Altersstruktur der Mitarbeiter. "Wir haben linear gespart, nicht strukturell", räumt Albert Wassener ein, der als Regionalbeauftragter in London auch für das Institut in Manchester zuständig ist. Noch deutlicher sagt es Wolfgang Kort: "Wir haben jedes Jahr gespart in der Hoffnung: Nächstes Jahr hören die Forderungen an uns auf. Aber es hat nie aufgehört." Kort arbeitete jahrelang in der Münchner Planungsabteilung, ehe er vor anderthalb Jahren als Institutsleiter nach Manchester versetzt wurde.

Kort, 60, kennt genau die Einsparmöglichkeiten seines Institutes, wenn man es nicht enthaupten will. Den Sommer über hat er in Einzelgesprächen mit seinen 24 Mitarbeitern jeden Budgetposten abgeklopft, jede Planstelle geprüft. Ergebnis: "Bis 2003 hätte mein Sparplan eine halbe Million Mark erbracht." Aber die Finanzplaner von Auswärtigem Amt und Goethe-Zentrale wischten das Konzept vom Tisch, forderten von der Region die Schließung des Instituts in York plus weitere 1,8 Millionen Mark Einsparungen binnen eines Jahres. Weil London und Dublin den Hauptstadt-Bonus genießen, Glasgow aber vom größeren Selbstbewusstsein Schottlands profitiert, soll es Manchester treffen - und dort vor allem die sogenannten Ortskräfte des Instituts. Während die aus Deutschland entsandten Mitarbeiter nach einer Schließung auf einen anderen Arbeitsplatz innerhalb des Goethe-Imperiums wechseln können, werden die Ortskräfte in die Arbeitslosigkeit entlassen. So wie Friedrich Dehmel, 59, und seine Frau Elke, die gemeinsam immerhin 64 Goethe-Jahre auf dem Buckel haben und zu den Gründungsmitgliedern des Instituts von Manchester gehören.

In York, hundert Kilometer westlich von Manchester, ist nicht einmal die Lokalzeitung gekommen, als vergangene Woche das dortige Institut seinen Abschied beging. "Das war bei der Eröffnung unseres neuen Hauses vor zweieinhalb Jahren auch schon so", erinnert sich Institutsleiter Frank Werner. Jetzt wird diese Dependance geschlossen, und wieder interessiert sich keiner. "Von Seiten der Stadt und der Gesellschaft erlebt man höfliche Ignoranz", sagt Werner.

Bei den eigentlichen Zielpersonen aber, Lehrern, Professoren, den Angestellten deutscher Firmen kommt der Abschied als schlimmes Signal an. "Etwas so Geschätztes wie die Goethe-Institute in York und Manchester aufzugeben, wird dem Status der deutschen Sprache und Kultur in England langfristigen Schaden zufügen", glaubt Simon Green, der an der Uni Leeds lehrt und für die staatliche Fremdsprachenagentur CILT arbeitet. Michael White von der Uni York empört sich beinahe ebenso sehr über die "hochmütige Art", mit der Außenamt und Goethe-Zentrale die weltweiten Schließungen beschlossen und verkündet haben, wie über das Ende des örtlichen Instituts an sich.

Ob auch in Manchester bald die Goethe-Leute auf der Straße stehen? In München orakelt Goethe-Sprecher Berthold Franke sibyllinisch, nach der heutigen Präsidiumssitzung könnte es "vielleicht auch gute Nachrichten" geben. Vielleicht haben sich die Finanzplaner in München nochmal den Mietvertrag angesehen, den sie vor sechs Jahren genehmigten. Jährlich zahlt das Institut Manchester beim derzeitigen Umrechungskurs gut 700 000 Mark Warmmiete für rund 1000 Quadratmeter. Und die Laufzeit des Vertrags beträgt weitere 14 Jahre. Alle juristischen Überprüfungen kamen zum selben Ergebnis, berichtet Institutsleiter Kort: "Aus dem Vertrag kommen wir nur raus, wenn Deutschland die diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien abbricht."

So weit wird die Bundesregierung es dann aber doch nicht kommen lassen.

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