Kultur : Letzte Verführung

Martin Walsers Roman „Angstblüte“ erzählt vom Altern, von der Liebe und vom lieben Geld

Meike Feßmann

Beinahe alles nimmt im Alter ab, die Sehkraft, das Hörvermögen, die Beweglichkeit, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Und jeder Genuss ist hart erkämpft, verlangt eine Menge Gedanken- und Seelenarbeit. Kein Grund, sich als jüngerer Mensch darüber lustig zu machen, irgendwann trifft es einen selbst.

Mit ein bisschen Einfühlung versteht man also sehr gut, worum es in Martin Walsers neuem Roman geht: um das Alter und die rasende Angst davor. Alt werden wollen alle, alt sein keiner. Das ist so banal wie wahr. Wenn man also etwas entdecken könnte, was sich im Alter vermehren ließe, an dessen Wachsen und Gedeihen man Freude haben könnte, dann hätte man den Stein der Weisen gefunden. Früher, als die Alten noch auf Bänkchen vor den Häusern in der Sonne saßen, da waren es schlicht die Enkelkinder, an denen sie sich zu freuen hatten. Und die meisten waren damit zufrieden. Selige Zeiten der Genealogie!

Doch das genealogische Band ist durchschnitten. Jede Generation lebt für sich und kultiviert ihr eigenes Lebensdesign. Das alles ist bekannt, doch man muss es sich ins Gedächtnis rufen, um den neuen Roman des 1927 geborenen Autors zu begreifen. Denn „Angstblüte“ ist auf langer Strecke ein typischer Walser: starke Charaktere, eine unendliche Fülle treffender Beobachtungen, überbordende Sprachlust und die thematische Verzahnung von Geld, Macht, Sex. Dann aber scheint der Roman regelrecht zu implodieren. Ist das nur eine dramaturgische Schwäche oder steckt mehr dahinter?

Held des Romans ist der 70-jährige Münchner Anlageberater Karl von Kahn. Trotz seines Erfolgs ist er alles andere als ein Angeber, eher ein „verblümter“, mit einer gewissen Demut begabter Mensch. Im Sommer 1992 hat er mit Devisenspekulationen den großen Coup gelandet, beileibe nicht so groß wie George Soros’ legendärer Coup, aber immerhin. Seither muss er sich um sein Auskommen nicht mehr sorgen. Gelassen kann er eine Firmenphilosophie entwickeln, die vor allem alte Menschen mit sehr viel Geld anspricht: Man müsse dem Geld beim Wachsen zusehen und daraus seinen Genuss ziehen. Mit dieser Strategie, so glaubt Kahn, erreicht man nicht nur Wohlstand, sondern auch Unabhängigkeit. Wer genug Geld hat, braucht keine Rücksichten zu nehmen. Karl von Kahn hat also den Stein der Weisen gefunden: Mit einer beträchtlichen Summe Geld kann man den Zumutungen des Alters entkommen, vorausgesetzt, man hat genug Nonchalance, der ständigen Vermehrung des Geldes zuzusehen, statt es zu verpulvern.

Wunderbar, dann ist ja alles in Ordnung, möchte man Karl von Kahn gratulieren und seinem Autor dazu. In der „Wirtschaftswoche“ vertrat Walser jüngst die gleiche Ansicht wie seine Hauptfigur. Die Beobachtung, dass die Warenwirtschaft von der Geldwirtschaft verdrängt wird, feiert er wie eine Entdeckung. Dass darauf schon andere gekommen sind, weiß er allerdings genau. Um seiner Botschaft Feuer zu geben, reitet er eine Attacke gegen das kulturelle Milieu. Nur Künstler und Intellektuelle seien noch so töricht, Geld nicht als obersten Wert anzuerkennen und die Gerechtigkeit des Marktes zu übersehen. Zum Glück ist Walsers Roman klüger als er. Vielleicht hat er auch nur gut abgelenkt, denn das „Risiko“ dieses Buches liegt anderswo.

Getreu seinem Leitsatz, nichts sei ohne sein Gegenteil wahr, macht Walsers Roman gleich mehrfach die Gegenprobe. Karl von Kahns bester Freund Lambert Trautmann, von seiner dritten Frau mit herrischer Zärtlichkeit „Diego“ genannt, investiert sein Geld in ein Universum der Schönheit. Nicht nur, dass er sich vor fünfzehn Jahren die schönste Frau unter den Nagel gerissen hat, die Fernsehmoderatorin Gundi (die inzwischen allerdings zu verblühen beginnt), nicht nur dass er sein Heim mit erlesenen Gegenständen und Kunstwerken ausstattet und ständig Künstler zu Gast hat, es muss auch noch ein Loire-Schlösschen sein. Da aber hat er sich übernommen. Eine seiner Firmen (sie stellt Tennisschläger her) muss er verkaufen. Da Karl von Kahn Teilhaber ist, entlockt er ihm die Unterschrift zum Verkauf mit der Vortäuschung eines lebensbedrohlichen Schwächeanfalls.

Ob Schönheit, Kunst oder die wahre Liebe – Karls Bruder Erewein verliebt sich mit 80 in eine 49-Jährige und begeht Selbstmord, weil er seiner Frau den Treuebruch nicht zumuten will – nichts ist vergleichbar mit den gelassenen Freuden der Geldvermehrung. Zumal wenn sie durch eine Ehefrau (es ist die zweite) abgesichert sind, die aus vermögendem Hause kommt und als Eheberaterin ausreichend beschäftigt ist. „Ich will ein Kind von dir“, ist der Schlüsselsatz ihrer Sexualität, und es funktioniert auch dann noch, als längst klar ist, dass Helen kein Kind mehr bekommt. Karls Tochter Fanny stammt aus erster Ehe. Er hätte sich für seine Tochter einen smarten Gatten wie seinen Teilhaber Dr. Dirk gewünscht. Sie aber traf Tom im Tierasyl und gründete mit ihm eine Hühnerfarm in Mecklenburg-Vorpommern. Ihre Zwillingstöchter hat der Großvater noch nie gesehen. „Nirgends wird die brutale Gewalt des Zufalls so spürbar wie im Schicksal junger Frauen. Wem begegnen sie! Und wem nicht!“

Tja, und dann begegnet er selber einer jungen Frau, der Schauspielerin Joni Jetter, nicht einmal halb so alt wie er, einer typischen Trophäen-Blondine. In ihr will Karl von Kahn die große Liebe entdecken. Alle Kolportage-Elemente, die der Roman bisher integrieren konnte, beginnen nun zu klappern, dass dem Leser die Ohren dröhnen. Nicht weil man sich nicht vorstellen könnte, wie sich ein 70-Jähriger in eine 33-Jährige verliebt, und auch nicht, weil sie einem Klischee entspricht (das hat in anderen Büchern Walsers bestens funktioniert), sondern weil der Autor es bewusst vergeigt. Ein forderndes „Ich möchte deine Eier lecken“, morgens um zehn in ein Bürotelefon gesprochen, mag eine gute Eröffnung sein. Aber als die beiden abends im Hotelzimmer landen, entwickelt sich ein erotischer Slapstick von so grauenhafter Komik, dass man nicht mehr weiß, ob man lachen oder weinen soll. Sie betet all ihre früheren Liebhaber mit sämtlichen sexuellen Eigenheiten herunter, er nagt und lutscht ein bisschen an ihrer Hand, sie schläft dabei schnarchend ein, am Ende geht es dann doch noch zur Sache, aber auch die ist eine einzige Verfehlung, notdürftig rhythmisiert durch die Karikatur eines Dirty-Talk.

Der alte Liebhaber als lächerliche Figur: Nichts anderes führt die Szene vor. Umso mehr, als sich später herausstellt, dass Joni Jetter das ganze Theater nur veranstaltet hat, um Karl von Kahn zur Finanzierung eines Filmprojekts zu überreden. Der Slapstick zwischen ihm und ihr wird prompt noch ins Drehbuch eingebaut. Was für ein Aufwand! „Angstblüte“ ist deshalb ein so riskanter Roman, weil sich der Autor mit ihm gleichsam auf offener Bühne dazu überreden will, endlich von einem seiner Lieblingsthemen abzulassen: der männlichen Erotomanie. Seinen Karl von Kahn bringt er auf die sichere Seite. Denn der genießt nicht nur das Gefühl der Anständigkeit, den Film auch dann zu finanzieren, als er erkennt, dass Joni Jetter ihn betrogen hat, sondern er genießt auch die Bestätigung seiner Geldvermehrungstheorie. Der Film wird ein Kassenerfolg.

Früher sind Walsers Helden nach vollbrachten Liebestaten wieder in den Schoß der Familie zurückgekehrt. In diesem Buch gibt es keine Familie mehr. Die Tochter ist aus dem Haus. Die zweite Frau ist selbst noch jung genug, um dem alten Hahnrei den Laufpass zu geben. Sie haut einfach ab. Da ist es gut, dass sich Karl von Kahn mit Geld trösten kann.

Wenn alte Männer auf die Idee kommen, lieber mit Geld zu spielen als mit jungen Frauen, kann man das für einen zivilisatorischen Fortschritt halten. Nur sollte man es nicht als Lebensweisheit verkaufen. Walser beobachtet seine Umwelt so scharf wie eh und je. Sein Roman weiß, dass Männer, die mit jungen Frauen schlafen, irgendwann selbst die Generation ihrer Töchter unterbieten müssen. Spätestens dann fällt ihnen auf, dass bei den Frauen irgendetwas anderes im Spiel sein muss als sexuelle Attraktion. Macht? Geld? Erfolg? „Angstblüte“ dekliniert alle Möglichkeiten durch, lässt sie noch einmal erstrahlen, und verabschiedet sich in eine Ersatzreligion: der Vermehrung des Geldes durch dieses selbst. Endlich braucht man keinen Menschen mehr, um sich gut zu fühlen. Freundschaft, Liebe, Ehe, Sexualität, Familie – alles verabschiedet Walser in diesem Roman.

Martin Walser: Angstblüte. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006. 477 Seiten, 22,90 €.

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