Kultur : Letzter Aufguss

„Sauna“ im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters

Peter Laudenbach

Christoph Marthalers legendäre „Murx“- Inszenierung verwandelte das Theater in einen großen Wartesaal, in dem sich die von der Welt nicht mehr gebrauchten Alten ihre Zeit mit Erinnerungen und skurrilen Spielen vertrieben. Das machen im Studio des Maxim Gorki Theaters jetzt auch fünf ältere Schauspieler und ein Musiker, nur gehen sie einen entscheidenden Schritt weiter als Marthalers Virtuosen des Träumens und Dämmerns. Sie machen ihre eigenen Schauspielerbiografien zum Thema.

„Als ich hier vor 32 Jahren anfing“, seufzt einer von ihnen, „wart ihr alle schon da.“ Alle sind sie unkündbar, alle waren sie ihr Leben lang auf kleinere Rollen abonniert, und jetzt haben sie den Eintritt ins Rentenalter fest im Blick. Glamouröses Theaterleben sieht anders aus. Die Sauna, in der sie sitzen und ihre Zeit vertrödeln, hat es früher im Gorki Theater wirklich gegeben. Jetzt ist sie als Bühnenbild wieder auferstanden und bietet dem schauspielerischen Wartekollektiv die schmerzlich vermisste heimelige Wärme. Ab und zu muss einer von ihnen (Dieter Wien) verschwinden, um einen Kleindarstellerauftritt in Ritterrüstung zu absolvieren, dann freuen sich die anderen, wenn er vor dem Auftritt vergisst, Brille oder Uhr abzulegen. Weil man sich schon so lange kennt, hat man sich daran gewöhnt, dass der Musiker (Horst Fischer) immer bescheiden den Finger hebt, wenn er etwas sagen möchte, und ein anderer (Wolfgang Hosfeld) gerne zusammenhangslos „Arschloch, blödes“ blafft, um dann hämisch zu grinsen und leicht autistisch mit dem Oberkörper zu wackeln.

Entstanden ist diese melancholisch komische Inszenierung, weil Joachim Meyerhoff, ein junger Schauspieler aus Hamburg, genau hingehört hat, als ältere Gorki-Kollegen ihre Geschichten erzählten. Zusammen mit den Schauspielern hat Meyerhoff diesen Abend komponiert, eine Hommage an die eigene Vergangenheit, die anders als das vor kurzem erschienene Buch zum fünfzigsten Jubiläum des Theaters ohne Larmoyanz und schrille Ressentiments auskommt. Stattdessen die Wahrnehmung der latenten Komik, der Mut, sehr uneitel Persönliches zu erzählen, und souveräne Selbstironie. („Das ist schon komisch, jetzt bin ich schon so lange am Maxim Gorki Theater und habe noch nie in ,Nachtasyl’ gespielt.“) Am härtesten hat es den Musiker getroffen, einen einsamen Flötisten: Alle seine Orchesterkollegen sind gestorben, entlassen, pensioniert oder ausgewandert. Er ist alleine übrig geblieben. Was immer noch ein besseres Los ist, als das eines Kollegen, von dem er erzählt: Der ist betrunken die Treppe zum Orchestergraben herabgestürzt, hat sich am Mund verletzt und konnte nie wieder Flöte spielen.

Wieder: 7. und 15. Februar

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