Kultur : Letzter Ausgang Lear

Die Welt als Narrenbühne und ein Boulevard der Dämmerung: Václav Havel kehrt in Prag nach 20 Jahren zurück aufs Theater

Peter von Becker

Das wirkliche Theater beginnt hier schon vor der Aufführung und spielt nicht nur auf der Bühne. Václav Havel ist ja neben Nelson Mandela der berühmteste Fall, dass ein lange inhaftierter Dissident es in einer historischen Zäsur zum Staatspräsidenten geschafft hat. Und nun kehrt Havel mit seinem ersten neuen Stück seit 20 Jahren aufs Theater zurück. Kommt leibhaftig daher – und zugleich als Geisterstimme. Das Stück, fünf Jahre nach dem Ende der zweiten Amtszeit als Präsident geschrieben, heißt „Abschied“ und handelt von einem Politiker, der eben die Macht aufgegeben hat.

Wir sind in Prag. Nebenan vom Archa Theater steht noch das Haus der früheren „Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt“, in der Franz Kafka angestellt war. Das Archa selbst haust in den Untergeschossen eines Neubaus, den jetzt Fotografen und Fernsehteams belagern. An Infoständen und Sponsorenplakaten geht es dann hinab ins untergründige Foyer. Dort mischt sich die globalisierte Künstlerszene (Sommerschals, späte Brechtmützen) mit Nadelstreifen, Herrenfightermienen, blondierten Mähnen und tiefen Decolletés. Man erkennt freilich auch: Alt-68er und Jung-89er vereint hier mehr als in Deutschland – vierzig Jahre nach dem von Panzern niedergewalzten politischen Frühling und fast zwanzig Jahre nach jener Samtenen Revolution, die ihn, den Dramatiker und eben noch Gefängnishäftling, zum Ersten Mann im neuen Staate machte.

Auch viele internationale Stimmen, das Programmheft gibt’s in englischer Version, dazu Kopfhörer für eine Simultanübersetzung. Den historischen Moment markiert allerdings die Foyerwand. Wie ein bunter Schriftteppich hängen da als Faksimile die vergrößerten Manuskriptseiten von Václav Havels „Abschied“, mit schwarzem Stift von Hand auf blau liniertes Papier notiert, mit vielen roten Korrekturen, Übermalungen.

Wir sind auch im Museum. Der Nachlass eines Dichters, eines Klassikers – noch zu Lebzeiten. Dann, spät, kommt er selbst: vorweg, ihn um Hauptlänge überragend und sehr rotblond, seine jüngere zweite Frau Dagmar, die er als Witwer nach einer schweren Krebsoperation geheiratet hat. Havel im feinen dunklen Tuch nimmt zwei Reihen vor uns Platz, mitten im Publikum, als der Citoyen und „Bürger Havel“, als der er sich auch als Präsident immer fühlen und geben wollte.

„Abschied“ ist einerseits nicht viel mehr als die Paraphrase seiner früheren, härteren, stärkeren Stücke, als Havel die Absurditäten politischer Bürokratien, die Selbstentfremdung von Machthabern, Karrieristen und Opportunisten nicht bloß mit Schweijk’schem Witz, sondern mit höchstem Mut zur Kenntlichkeit entstellte. Havel war dabei nie ein subtiler Poet, aber in Stücken wie „Die Benachrichtigung“, „Protest“ oder der „Audienz“ein wirkungssicherer Geschichtenerzähler. Allerdings übertrifft diesmal ein Grundeinfall den Text und die Aufführung.

Ein Garten, die Szenerie erinnert nochmals an Havels erstes Stück „Das Gartenfest“ von 1963, darin die Familie des eben verabschiedeten Kanzlers Rieger: mit erwachsenen Töchtern, jüngerer Geliebter, Dienstboten, Assistenten und eindringenden Journalisten und politischen Gegenspielern. In fünf Akten verliert der Ebennoch-Staatsmann nicht nur die Staatsvilla mit dem geliebten Garten, sondern nach zwischenzeitlicher Verhaftung und einem halben Seitensprung auch alle Reputation, die Frau, die bürgerliche Existenz.

Das spielt in einer irgendwie wendehälsischen Halbdemokratie, was heißt, Rieger war selber ein Halbdespot, der sein Volk mit der eher russisch-chinesischen Lösung aus Kapitalismus und Staatsmacht regiert haben mag. Havel karikiert hier auch tschechische Tendenzen, und Riegers Widerpart und Schleich-Erbe heißt wohl nicht zufällig Vlástik Klein (was an Václav Klaus erinnert, einst Havels Gegenspieler und jetzt sein Präsidentschaftsnachfolger).

Für sich genommen wirken diese Figuren nur eindimensional. Havel lässt sie aber auf der Folie zweier Großdramen agieren, gleich einer Wiederkehr der Tragödie als Farce. Shakespeares „Lear“ und Tschechows „Kirschgarten“ werden mehrfach zitiert, es gewittert wie bei Lear auf der Heide, auch in Riegers Kirschgarten ertönen am Ende die Baumsägen, und der Aufsteiger Klein, der das Gelände in eine Shopping Mall mit angeschlossenem Erotikcenter verwandeln wird, erscheint als moderne Variante des Tschechow’schen Herrn Lopachin.

Nur ist es jetzt schierer Boulevard, über dem sich in der flotten, glatten Uraufführung des Regisseurs David Radok vom Band ab und an mahnend wie ein Gottvater die reale Stimme des Autors V.H. erhebt. Am Ende aber erhebt sich der leibhaftige Havel im Publikum, kommt auf die Bühne, es gibt Tränen und Standing Ovations. Der kleine große Mann wirkt fragil, von der Krankheit gezeichnet. Er aber hatte sich zwei Stunden sehr amüsiert, viel gelacht. Obwohl er unter der schieren Komödie einen leisen Abschiedgesang angestimmt hat. „Lear“ und „Kirschgarten“ waren zwei Endspiele, und Havel nennt die Welt der Politik und des Theaters nun ganz learisch seine leere „Narrenbühne“.

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