Kultur : Letzter Mann

Von Berlin aus gesehen, mag das jetzt die Stunde der Spötter sein. Ist das, fragen sie, nicht gerade so, als ob das abgeschlossene Sammelgebiet namens DDR plötzlich eine neue Sonderbriefmarke herausgäbe? Oder erinnert die Personalie nicht an jenen am Ende so ungeliebten Berti Vogts, der aus seiner Versenkung eines Tages als Fußballtrainer aller Schotten auferstand? Oder, ein wenig zarter gesagt, wirkt die Wahl von Moritz de Hadeln zum Chef des Filmfests von Venedig nicht so, als wollte die nächste deutsche Regierung den verdienten, aber recht retirierten Hans-Dietrich Genscher zum Außenminister küren - mit welchem Koalitionspartner auch immer?

In Italien dagegen ist den Leuten angesichts des Gezerres um ihr kulturell traditionsreichstes Vorzeigestück das Lachen längst vergangen. Moritz de Hadeln, der nun dort als - um es fußballerisch zu sagen - letzter Mann das Steuer übernimmt, wird vielleicht nicht gerade wie der Messias begrüßt, aber als Retter in der Not überwiegend willkommen geheißen. Der erfahrene, international renommierte, überdies polyglotte Macher: In dieser Rolle mag sich de Hadeln nach dem von ihm als demütigend empfundenen Abgang in Berlin sehen. Die Wahl des umstrittenen, vergangenes Jahr abgelösten Berlinale-Chefs aber bedeutet nichts Geringeres als den kulturpolitischen Offenbarungseid der Regierung Berlusconi.

Das einfältigste - und nationalistischste Argument, mit dem nun vor allem die italienische Rechte gegen de Hadeln mobil macht, sagt, er sei kein Italiener. Erstens war de Hadeln schon in den siebziger Jahren Chef des Filmfests Locarno und spricht fließend Italienisch. Andererseits haben gerade diese Kräfte, allen voran der ewig keifende Kulturstaatssekretär und heimliche Kulturminister Vittorio Sgarbi, durch penetrante Polemik und dilettantische Personalsuche jeden einigermaßen qualifizierten Italiener von dem einst so strahlenden Posten abgeschreckt. So gesehen, ist der als zeitweiliger Rentier sofort disponible Ausländer Moritz de Hadeln, der sich im vergifteten Kulturklima Italiens - noch! - nicht verbraucht hat, zuletzt tatsächlich der einzige auf die Schnelle präsentable Kandidat gewesen.

Gewiss, es ehrt ihn, dass er einspringt, nur für ein Jahr. Mehr noch, dass er sogleich seinem unter schäbigsten Bedingungen zum Rücktritt genötigten Vorgänger Alberto Barbera Respekt gezollt hat. Aber was folgt daraus für den Ruf eines Festivals, das die ausgemusterten Chefs der ärgsten Konkurrenz als Ausputzer zu bitten genötigt ist? Und wie irreparabel sind die Strukturen einer Biennale, deren vom Ministerium gegängelter Chef binnen einer Woche seinen eigenen Kandidaten wieder ausladen muss?

"Hals- und Beinbruch" hat Alberto Barbera seinem Nachfolger gewünscht. Das war rau, aber herzlich gemeint. In einem Land freilich, in dem das Hauen und Stechen, das Holzen und Abwatschen zur neueren politischen Tagesordnung gehört, müssen solche Wünsche mittlerweile fast wörtlich genommen werden. Armes Italien!

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