Kultur : Letztinstanzlich

Ursula Krechel erhält den Deutschen Buchpreis.

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Foto: Thomas Lohnes/dapd
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Als Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder am Montagabend im Frankfurter Römer verkündete, dass Ursula Krechel für ihren Roman „Landgericht“ den Deutschen Buchpreis erhält, erklang ein schwer zu deutender Beifall: lang anhaltend, ungemein freundlich, aber eher gedämpft als überschwänglich. Mit der 1947 in Trier geborenen und in Berlin lebenden Ursula Krechel und ihren Roman über den um Wiedergutmachung kämpfenden Richter Richard Kornitzer in der Bundesrepublik der 50er Jahre hatten die wenigsten gerechnet. Nur war es womöglich gerade in diesem Jahr so schwer wie noch nie, einen eindeutigen Favoriten zu benennen, so wie 2008 bei Uwe Tellkamp, 2009 bei Herta Müller (die vor der Verleihung den Literaturnobelpreis zugesprochen kam und dann praktisch nicht mehr in Frage kam) oder im vergangenen Jahr bei Eugen Ruge.

Viel war die Rede von Stefan Thome und seinem Roman „Fliehkräfte“, einem Abgesang auf die bürgerliche Lebensform, der konventionellste Roman der Shortlist, von Wolfgang Herrndorf und seinem großartigen existentialistischen Wüsten- und „Trottelroman“ (wie Herrndorf ihn nennt), von Ulf Erdmann Ziegler und seinem anspruchsvollen Roman über die 80er Jahre in Westdeutschland, die Typographie und den Katholizismus, und auch von Clemens Setz’ so fantastischem wie unterhaltsamem Katastrophenroman „Indigo“. Bei all diesen Namen war man sich sicher, dass hier ästhetischer Anspruch und Großpublikumskompatibilität übereinstimmen.

Aber Ursula Krechel und „Landgericht“? Der radikalste Roman der Liste, der auf 500 Seiten zunächst überzeugend die Familien-, Emigrations- und Heimkehrergeschichte eines zum Protestantismus konvertierten deutschen Juden erzählt, dann aber, als jener Kornitzer sich mit dem unter Amnesie leidenden Nachkriegsdeutschland auseinandersetzt, als er um Anerkennung und Entschädigung kämpft, den Leser mehr und mehr mit Archivmaterial und dokumentarischen Schriften quält? „Landgericht“ ist ein historischer Roman, ein sehr deutscher Roman – und einer, der sich nicht um Kategorien wie Fiction oder Non-Fiction schert, der Erzählung, Dokumentation, Essay und Analyse kurzschließt. Die Entscheidung passt gut zu einer im Moment heftig geführten Debatte über die Krise oder gar das Ende von fiktiver Literatur. Und sie demonstriert, wie unabhängig eine Jury sein kann, wie wenig sie sich im besten Fall schert um populäre Entscheidungen oder die Frage, ob „Landgericht“ auf dem Buchmarkt auch reüssiert. Gerrit Bartels

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