Kultur : Leuchte, mein Bild, leuchte

Zwischen Foto und Film: Jeff Walls phänomenale Inszenierungen im Schaulager Basel

Katrin Wittneven

Den Auftakt macht eine Art Selbstbildnis. Gleich zweimal steht der 1979 noch junge Künstler in einem kahlen, unpersönlichen Raum. Mit verschränkten Armen schaut er skeptisch in die Kamera und hält sich daneben als sein eigener Doppelgänger schüchtern an einem Stuhl fest. Schon damals experimentiert der 1946 in Vancouver geborene Wall nicht nur mit der Fototechnik – in diesem Fall erzielt er den Dopplungseffekt durch zwei überlappende Diafilmteile –, sondern auch mit einer Präsentationsform, die sein Markenzeichen werden soll: Großbilddias in Leuchtkästen. Obwohl er Fotografie liebe, schaue er sich die Fotos nicht gerne an, hat er einmal erklärt, vor allem nicht, wenn sie an Wänden hingen: „Ich hatte das Gefühl, sie wären zu klein für diese Art der Präsentation.“ Den richtigen Maßstab fand der Kunsthistoriker Wall in der abendländischen Malerei. Und so übertrug er als Künstler deren Größenverhältnisse auf seine Fotografien. Er entwickelte mehrere Meter breite Leuchtkästen aus Aluminium, die in ähnlicher Form in der Werbung genutzt wurden: Guckkästen mit kristallinscharfen Bildern, deren leuchtenden Farben sich der Betrachter kaum entziehen kann.

Auch inhaltlich bezieht sich Wall auf die Kunstgeschichte und die Malerei vergangener Jahrhunderte, was schon seine Bildgattungen verdeutlichen: Stillleben, Porträts, Landschaften, Historienbilder. Bereits im ersten Ausstellungsraum wird sein Faible für Édouard Manet sichtbar: In dem ebenfalls 1979 entstandenen Bild „Picture for Women“ mit einer den Betrachter fixierenden Frau im Vordergrund nimmt Wall kompositorisch auf Manets berühmtes Gemälde „Un bar aux Folies-Bergère“ Bezug. Allerdings setzt er die suggestive Wirkung des Fotos sogleich wieder außer Kraft, indem er im Zentrum der Fotografie sich die Kamera spiegeln lässt, mit der die Aufnahme gemacht wird. Außerdem taucht im Hintergrund des bühnenähnlichen Aufbaus noch einmal der Fotograf selbst auf.

Es sind die einzigen Bilder, auf denen der Künstler selbst zu sehen ist. Seither arbeitet Wall mit Modellen, die er minutiös arrangiert. Dieses Vorgehen verwundert, da viele seiner Bilder auf den ersten Blick wie Schnappschüsse wirken: die beiden sich prügelnden Männer, die von einem dritten beobachtet werden, die just zerplatzende Milchtüte, die ein auf der Straße sitzender Mann in Händen hält, die drei mit Taschen und Koffern bepackten Menschen, die eilig eine Brücke überqueren. Dieser Realitätsbezug entsteht nicht zufällig. Wall rekonstruiert oftmals Erlebtes und stellt es nach. Anschließend werden die Fotos mit Großbildkamera, Stativ und künstlicher Beleuchtung aufgenommen, was das eigentümliche, fast traumartige Licht vieler Bilder erklärt. Themen wie Armut, Verlorenheit, Beziehungslosigkeit und Gewalt durchziehen sein Werk wie ein roter Faden. In anderen, noch theatralischeren Arbeiten setzt Wall regelrechte Albträume in Szene. Für die opulente Inszenierung „Vampirs’ Picknick“ aus dem Jahr 1991 platzierte er Menschen verschiedener Generationen und Hautfarben in Straßenkleidung wie erstarrt im Wald. Ein grotesk-düsteres Familienbild, auf dem ein schwarzer Mann in Uniform verzweifelt ein paar rote Pumps in die Höhe hält, während anderen das Blut aus dem Mundwinkeln rinnt und ein Nackter wolllüstig am Boden posiert. In der Ausstellung hängt es einem von Walls meistpublizierten Motiven gegenüber: dem 1992 entstandenen über vier Meter breiten „Dead Troops Talk“ (Tote Soldaten sprechen) zu dessen Titel der lange und unmissverständliche Nachsatz „Vision nach einem Angriff aus dem Hinterhalt auf eine Patrouille der Roten Armee, bei Moqor, Afghanistan, Winter 1986“ gehört. Ein zeitgenössisches Historien- und Antikriegsbild, bei dem einem in dem Moment der Atem stockt, da man bemerkt, dass sich die toten Soldaten mit zerfetzten Bäuchen und halbem Schädel einander zuwenden und zu scherzen beginnen, sich Fleischfetzen zum Betrachten hinhalten.

„Cinematografisch“ nennt Wall diese inszenierten Fotografien, und die Liste derer, die am Entstehen des Bildes beteiligt waren, liest sich tatsächlich wie ein Filmabspann: Assistenten, Set-Konstrukteure, Make-Up-, Prothetik- und Kostümspezialisten. Gleichzeitig ist es eines der ersten Bilder, das Wall mit digitaler Technik bearbeitete. Der Künstler hat die Aufnahme jahrelang vorbereitet und die Modelle dann einzeln oder in Gruppen auf dem eigens aus Holz konstruierten und mit Erde abgedeckten Set fotografiert. Im Nachhinein setzte er das Motiv am Computer aus zahlreichen Einzelaufnahmen zusammen.

Daneben entstehen immer wieder auch dokumentarische Fotografien oder perspektivisch fein justierte Stillleben wie eine Sonnenblume auf dem Küchentisch. Mit 70 Bildern aus den Jahren 1978 bis 2004 gelingt es der Ausstellung erstmals, das ganze Spektrum Walls abzudecken, das zahlreiche Überraschungen birgt. Immer neue Facetten dieses Künstlers eröffnen sich, wenn er das Filmartige seiner Bilder noch steigert, indem er Folgen arrangiert, eine Serie von rätselhaften Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt, die einmal nicht in Leuchtkästen präsentiert werden, oder sich architektonischen Details zuwendet. Obwohl die meisten seiner Bilder bis heute in Vancouver entstehen, wird gerade an den Stadt- und Architekturaufnahmen sichtbar, dass keine konkreten Orte gemeint sind, sondern die längst verschwommenen Übergänge von Stadt und Land, urbane Nischen wie ein Stück Rasen an einer Autobahnbrücken, die es überall gibt und die überall irgendwann von Menschen in Beschlag genommen werden.

Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler vermag Jeff Wall, Resignation und Hoffnung in unverwechselbare, geradezu ikonenhafte Bilder zu bannen und sich dabei immer wieder selbst zu hinterfragen und neu zu erfinden. Malerei, Film, Fotografie haben als getrennte Gattungen ohnehin ihre Eindeutigkeit verloren, Walls Fotografie ist der Missing Link zwischen ihnen. Es ist spät geworden in der Ausstellung. Während des Gangs zurück zum Ausgang geht mit einem Mal das Licht in den Kästen aus. Der Zauber erlischt und leuchtet doch lange nach.

Schaulager Basel, bis 25. September, Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Donnerstag 12-19 Uhr, Sonnabend und Sonntag 10-17 Uhr. Der Catalogue Raisonné kostet 62 Schweizer Franken.

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