Kultur : Leuchte, mein Stern

Frank Noack

Noch drei Wochen bis zur Berlinale – für Filmgeschichtsfans heißt das vor allem: noch drei Wochen Warten auf die „Traumfrauen“. Unter diesem Motto widmet sich die Retrospektive den Stars der fünfziger Jahre, wobei auch Osteuropa berücksichtigt ist– etwa Tatjana Samoilova (die sowjetische Audrey Hepburn) oder die Ungarin Mari Töröcsik. Gute Frauenregisseure allerdings hat das osteuropäische Kino nicht hervorgebracht. Realismus-Doktrin und Divenkult schließen sich nun einmal aus.

Die erste Europäerin allerdings, die Hollywood erobert hat, war eine Polin. Barbara Apolonia Chalupiec, bekannt als Pola Negri, demolierte während des Ersten Weltkriegs in zahlreichen polnischen und deutschen Melodramen das Leben ihrer Liebhaber und auch ihr eigenes. Sie fand in Ernst Lubitsch einen Regisseur, der ihre unverblümt ordinäre Sinnlichkeit mit Humor verband. Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer und die polnische Tänzerin verhalfen der UFA zu ihren ersten Welterfolgen und setzten ihre Zusammenarbeit in Hollywood fort.

Pola Negris vorzügliche Leistungen sind leider neben ihren Eskapaden verblasst. Sie kündigte ihre Verlobung mit Charlie Chaplin an, ohne ihn zu fragen, sie brach fotogen am Grab von Rudolph Valentino zusammen, und sie löste einen Trend aus, als sie einen verarmten georgischen Adeligen heiratete. Im Hotel Adlon vertilgte sie kiloweise Champagner und Kokain und ist trotzdem uralt geworden, als Lebensgefährtin einer texanischen Millionenerbin. Das Babylon Mitte widmet ihr bis Sonntag ein kleines Stummfilmfestival mit Live-Begleitung. Gezeigt werden ihre wichtigsten Lubitsch-Filme Carmen (1918), Madame Dubarry (1919), Die Bergkatze (1921) und das 19-minütige Fragment Die Flamme (1922). Ihr bester Hollywoodfilm war das von Erich Pommer produzierte pazifistische Drama Barbed Wire (1927).

Auch die einzige Russin, die in mehreren teuren Hollywoodfilmen die Hauptrolle spielen durfte, machte zunächst einen Abstecher über Berlin, um ihre Karriere voranzutreiben. Anna Sten alias Anjuschka Stenski Sudakewitsch hatte das Pech, wie Marlene Dietrich auszusehen. Dabei war sie vor der Dietrich ein Star. Die Visitenkarte für das kapitalistische Ausland verschaffte ihr 1927 Boris Barnets Komödie Das Mädchen mit der Hutschachtel (Sonntag im Arsenal).

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