Kultur : Leuchten am Abgrund

Zeichnungen und Gemälde von Sophie Holstein.

Laila Niklaus

„Ich sehe was, was Du nicht siehst“ lautet der Titel der ersten Einzelausstellung der 28-jährigen Malerin Sophie Holstein in der Galerie LackeFarben. Das Kokettieren mit dem berühmten Suchspiel ist gleichzeitig Holsteins Einladung, ihre Arbeiten auf spielerische Weise zu betrachten. Die Bilder dringen in unser kollektives Unterbewusstsein und kehren versteckte Emotionen nach außen, wodurch eine magische Realität entsteht.

Holstein geht an die Malerei mit einer großen Unbefangenheit heran. Beinahe schon mit einer bewussten Blindheit gegenüber Tabus – Holstein malt in Öl. Auch dass die Malerei schon so oft totgesagt wurde, ist ihr offenbar egal.

In zahlreichen Werken geht es um Übergangssituationen. Von der Kindheit mit ihren unverfälschten und emotional rohen Reaktionen zu den mysteriösen und manchmal ängstigenden Formen und Beschränkungen der Erwachsenenwelt. Auch die Grenzen zwischen dem Ich und dem Wir verschwimmen in Holsteins Arbeiten und legen die Unfähigkeit, jemals wirklich in Kontakt mit einem anderen Menschen zu treten, frei.

Die Figuren in ihren Bildern finden sich direkt im Bildzentrum und scheinen in der eigenen Realität wie gefangen. Auf einem querformatigen Gemälde erscheint eine Familienszene, in der jeder der Figuren nur mit sich selbst beschäftigt scheint. Beinahe wie auf einer Theaterbühne aufgereiht versuchen die Protagonisten jeweils eine Verbindung aufzubauen. Wie in Arthur Schnitzlers Liebesdrama „Reigen“ (1920) will jede Figur des Bildes etwas anderes – und bekommt es nicht.

Die einzelnen Szenarien realisiert Holstein in umwerfend leuchtenden Farben. Unterschiedliche Perspektiven, eine dichte Symbolik und der kraftvolle, gefühlsbetonte Einsatz figurativ-expressionistischer Elemente erzählen Geschichten, die den Betrachter fesseln und unmittelbar zu einer eigenen Interpretation auffordern, doch eine konkrete Antwort kann und will Holstein dem Betrachter nicht liefern. Laila Niklaus

Galerie LackeFarben, bis 28.07., Brunnenstr, 170, Berlin Mitte, Mi/Do 15-19 Uhr, Fr/Sa 16-20 Uhr

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