Kultur : Leuchten auf Dauer

Dresdens Schätze – und andere Kultureinrichtungen im Osten

Bernhard Schulz

Das zeitliche Zusammentreffen war kaum ein Zufall. Zunächst wurde gestern vormittag im Schloss Charlottenburg das Buch „Kulturelle Leuchttürme“ über die entsprechenden Highlights der fünf neuen Bundesländer vorgestellt, anschließend warben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Berliner Alten Museum für ihre demnächst in der Hauptstadt gezeigten Ausstellungen zur Unterstützung bei der Folgebewältigung der Jahrhundertflut. Viel ist getan worden in den zwölf Jahren seit der Wende – und doch genügte ein einziges Hochwasser, das Erreichte wieder in Frage zu stellen und vielerorts auch zunichte zu machen.

In Dresden sind die Schäden, die Museums-Generaldirektor Martin Roth für seine Häuser auf 20 Millionen Euro taxiert, zum Gutteil schon wieder beseitigt, und was als drängendes Problem bleibt – die Frage der Depots, die Mitte August binnen Stunden in den Fluten versanken –, beschäftigt mehr die Fachleute als die Öffentlichkeit. Die hat stattdessen die Gelegenheit, eine repräsentative Auswahl der geborgenen Schätze aus der Skulpturensammlung ab 22. November in Berlin im Martin-Gropius-Bau und bedeutende Stücke der Gemäldegalerie Alter Meister ab 19. Dezember im Alten Museum zu bewundern; dies übrigens zum ersten Mal seit 1956, als die Dresdner Meisterwerke nach ihrer Rückgabe aus kriegsbedingter Verlagerung durch die Sowjetunion zunächst in der „Hauptstadt der DDR“ gezeigt wurden, bevor sie wieder nach Dresden zurückkehren durften.

Auch an einem solchen Detail wird deutlich, dass die Kultureinrichtungen östlich der Elbe den größeren Teil der Last aus der historischen Verstrickung Deutschlands zu tragen hatten. Es lag darum nahe, dass sich der Bund ab 1990 für die finanzielle Untertstützung des kulturellen Erbes im Osten engagiert hat. Nun ist es an der Zeit, die Übergangsregelungen der Nachwendezeit auf eine dauerhafte Grundlage zu stellen, ist doch erkennbar, dass die Einrichtungen von gesamtstaatlicher Bedeutung dauerhaft auf die Hilfe des Bundes angewiesen sein werden. Auf welche Einrichtungen die Förderwürdigkeit zutrifft, sollte das „Blaubuch“ ermitteln, zusammengestellt im Auftrag des Bundes-Kulturstaatsministers von Paul Raabe, der als langjähriger Leiter der Wolfenbütteler Bibliothek und danach der (wiedererrichteten) Franckeschen Stiftungen in Halle mit der gesamtdeutschen Kulturlandschaft vertraut ist wie wenige. Seine Empfehlungen sind es, die jetzt in reich bebilderter Form auch die Öffentlichkeit für ein Anliegen einnehmen sollen, das die Struktur des Kulturförderalismus nachhaltig verändern wird: Es geht um die Förderung der herausragenden ostdeutschen Kultureinrichtungen. Welches Erbe es dort zu bewahren gilt, hat das Hochwasser in Dresden jedermann vor Augen geführt.

Paul Raabe: Kulturelle Leuchttürme. Edition Leipzig, Leipzig 2002, 176 S., 340 Abb., 35 €.

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