Kultur : Leuchtend graue Tage

Vorbesichtigungen in den Berliner Auktionshäusern: ab morgen in der Villa Grisebach, schon heute bei Bassenge

Michaela Nolte

„Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“ Max Pechstein hat Mephistos geflügeltes Wort als Bild gewordenes Paradoxon und Sieg der Praxis gemalt: Selten war ein „Grauer Tag“ so leuchtend wie Pechsteins Landschaft aus dem Jahre 1922, die für 120 000 bis 140 000 Euro als eines von 87 „Ausgewählten Werken“ in der Villa Grisebach (Auktion: 28. November, 17 Uhr) auf dem Programm stehen. Mit derartigen Preismargen muss sich auch der gehobene Anspruch zufrieden geben, denn kaum eines der Lose weckt Sensationsverdacht. Für alle vier Veranstaltungen hegt man Gesamterwartungen von rund 8,5 Millionen Euro und präsentiert insgesamt ein solides Mittelfeld mit dem Hauptaugenmerk auf die Klassische Moderne in Deutschland. So bestreitet das wunderbar innige Profil einer „Aufblickenden“ von Oskar Schlemmer (Schätzpreis 150 000 – 200 000 Euro) das Angebot neben sieben Aquarellen von Emil Nolde, deren Preisspanne sich von 40 000 bis 180 000 Euro bewegt, und dem aquarellierten „Pferdchen“ von Paul Klee (80 000 – 120 000 Euro); eine späte Landschaft Gabriele Münters ist zwischen 150 000 und 200 000 Euro taxiert.

Das unumstrittene Hauptlos der Herbstauktion entstammt jedoch dem 19. Jahrhundert. Adolph von Menzels „Der Schafgraben in Berlin“ verdichtet eine alltägliche Szenerie am heutigen Landwehrkanal mit Bauzaun und üppig bewachsenem Pfad zum lichtdurchfluteten Naturschauspiel. 1846, im Jahr zwischen dem berühmten „Balkonzimmer“ und dem „Bildnis der Schwester mit der Kerze“ entstanden, vereint das Gemälde aufs Vorzüglichste präimpressionistische Elemente, für die 500 000 bis 700 000 Euro erwartet werden. Die rätselhafte Gouache „Blindekuh“ (80 000 – 120 000 Euro), eine genreartige Papierarbeit „Im Eisenbahncoupé“ für stolze 300 000 bis 350 000 Euro sowie eines der ersten Ölbilder des Autodidakten: Die 1837 entstandene „Konsultation beim Rechtsanwalt“ (60 000 – 80 000 Euro) runden die Menzel-Suite samt zwei Zeichnungen (30 000 und 60 000 Euro) ab.

Ein kunsthistorisches Kleinod stellt auch Wilhelm Morgners „Astrale Komposition“ dar. 1912 gemalt, verfügt das Farbgewitter des nur 26-jährig verstorbenen Außenseiters über eine Abstraktion, die in dieser Epoche ihresgleichen sucht. Alexej von Jawlenskys „Heilandsgesicht: Gebet“ reüssierte bereits im Frühjahr mit zugeschlagenen 250 000 Euro bei Grisebach; sein „Schwarzer Buddha“ aus der gleichen Werkserie sollte das Ergebnis mühelos übersteigen. Mit geschätzten 300 000 bis 400 000 Euro führt das kleine, betörend kontemplative Bildnis gleich hinter Menzel die Preisskala an, gefolgt von Erich Heckels „Stillleben (mit blauer Vase)“ aus der Brücke-Hochphase mit einem Schätzpreis von 280 000 bis 340 000 Euro. Daneben gibt es ein exquisites Konvolut expressionistischer Druckgrafik, von Holzschnitten wie Karl Schmidt-Rottluffs „Paar am Wald“ (15 000 – 20 000 Euro) bis zu Emil Noldes eigenwilliger Farblithografie „Junges Paar“, die auf 140 000 bis 180 000 Euro taxiert ist.

Ob man die Druckgrafik bei derlei Werten noch als „demokratisches und für jedermann erschwingliches künstlerisches Ausdrucksmittel“ bezeichnen kann, wie Nicolaas Teeuwisse im Vorwort zum Grafik-Sonderkatalog von Bassenge schreibt, sei dahingestellt. Doch besticht das Auktionshaus im Grunewald auf diesem Gebiet erneut durch ein exzellentes Niveau besonders aus dem 15. bis 19. Jahrhundert (Auktion: 27. November, 9.30 Uhr). Stellvertretend für die über 600 Lose sei Rembrandts Kaltnadelradierung „Die Landschaft mit dem Zeichner“ (20 000 Euro) genannt; aber weniger Exklusives ist dann selbst vom niederländischen Altmeister schon ab 1200 Euro zu haben.

Während in New York eine Rekordwelle die Zeitgenossen beflügelt, fällt die einheimische Offerte an Kunst nach 1945 etwas enttäuschend aus. Eine Petitesse von Gerhard Richter (18 000 –24 000 Euro) und Reizvolles von Fritz Koenig (zwischen 10 000 und 40 000 Euro) oder Franz Gertsch (7000 – 9000 Euro) finden sich in der Sonnabend-Auktion bei Grisebach (29. November, 10 Uhr). Doch unter den hochpreisigen Werken bildet Ernst Wilhelm Nays 1955 entstandenes Scheibenbild „Schwarze Bahn“ mit geschätzten 200 000 bis 250 000 Euro einen Solitär. Im Hause Bassenge gehört Nays dunkel gestimmter „Vogelmensch und andere“ aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mit 75 000 Euro gar zur Spitze des 20. Jahrhunderts (Auktion: 29. November, 9.30 Uhr).

Zurückhaltend agiert momentan auch der deutsche Fotografiemarkt. So darf man gespannt sein, ob William Kleins „Car under EL“ aus dem New York der Fünfzigerjahre die Hoffnung auf 10 000 bis 15 000 Euro erfüllen wird. Am Donnerstag (ab 14.30 Uhr) wird das Stadtporträt bei Grisebach aufgerufen, wo Jürgen Klauke ein Gegengift zur Stimmungsflaute bietet. Mit einer 30er-Auflage ist seine „Sonntagsdepression“ freilich keine Rarität, doch dafür locken gleich acht Motive der skurrilen Selbstinszenierung für 5000 bis 7000 Euro. Aus der Masse an Porträts ragt Hugo Erfurths Bildnis von Otto Dix aus dem Jahre 1929 heraus (5000 – 7000 Euro). Teuerste Fotografie aber ist eine brillante Nahaufnahme, die Paul Strand 1929 von einem Treibholz aufnahm (18 000 – 20 000 Euro). Liebhaber der Fotografie des 19. Jahrhunderts kommen bei Bassenge (Auktion: 28. November, 16.30 Uhr) auf ihre Kosten, wo fast ein Viertel der Lose aus der Pionierzeit stammt. Darunter Julia Margaret Camerons „Study of a Holy Family“ (2200 Euro) und als Highlight ein mit 76 auf 99 Zentimetern für diese Periode monumentaler Abzug, den James Anderson um 1868 von den Grabungsstätten am Forum Romanum fertigte (9000 Euro).

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25; Vorbesichtigung: Sonntag und Montag 10 – 18.30 Uhr, Dienstag 10 – 20 Uhr und Mittwoch 10 – 17 Uhr.

Bassenge, Erdener Straße 5a; Vorbesichtigung: heute 10 – 18 Uhr, Sonntag 12 – 17

Uhr, Montag und Dienstag 10 – 18 Uhr.

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