Kultur : Leuchttürme über der Elbe

Die Flutbezwinger : Dresden feiert die Wiedereröffnung seiner Kulturtempel

Bernhard Schulz

Dramatischer hätte sich kein Regisseur den Himmel über Dresden ausdenken können, just zu der Mittagsstunde am vergangenen Sonnabend, da die Gemäldegalerie Alte Meister nach dreimonatiger Schließung wiedereröffnet werden sollte. Graublaue Wolkenberge türmten sich über der Stadt, während die herbstliche Sonne alle Bauten konturenscharf ausleuchtete. Der Zwinger mit seiner im 19. Jahrhundert hineinkomponierten Gemäldegalerie stand im Mittelpunkt eines gewissermaßen überirdischen Interesses.

Dresden braucht die Normalität – und das heißt für Elbflorenz: die Kultur. Die Bedeutung ihrer „Leuchttürme“ für den Tourismus und damit die Wirtschaftsbilanz der Stadt ist in den drei Monaten seit der Jahrhundertflut vom August jedermann bewusst geworden. Im September beispielsweise ging die Zahl der Übernachtungen in Dresden gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres um 38 Prozent zurück, im Umland soll es glatt die Hälfte gewesen sein.

Der merkantile Aspekt stand am Sonnabend – wie überhaupt bei der Bewältigung der Flutschäden – gleichwohl nicht im Vordergrund. Es dürfte der Kultur indessen nützen, ihre auch ökonomische Bedeutung bestätigt zu sehen. Als Sparopfer wird, wer in Sachsen bei politischem Verstand ist, die Einrichtungen von Museen, Schauspielhaus und Semperoper künftig nicht ins Gespräch bringen.

Die Wiedereröffnung der Gemäldegalerie Alte Meister war denn auch als symbolischer Akt angelegt. Tatsächlich hat sich ja gegenüber der vom Hochwasser erzwungenen Notsituation wenig verändert. Die 4000 Gemälde, die in einer dramatischen Rettungsaktion aus den Kellerdepots in die oberirdischen Schauräume geschleppt worden waren, befinden sich dort auch weiterhin. Lediglich die Enfilade der großen Säle des ersten Stockwerks und einige weitere Kabinette auf derselben Ebene stehen jetzt wieder offen. Angrenzende Räume, durch transparente Plexiglasbarrieren abgeteilt, führen die mittlerweile akkurat in Reih und Glied ausgerichteten Depotbilder als stumme Mahnung vor, mit der Wiedereröffnung der Gemäldegalerie nicht das grundlegende Problem ihrer künftigen Lagerhaltung aus den Augen zu verlieren. Martin Roth, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, drängt auf ein oberirdisches Depotgebäude weit ab von Strom und Bächen – aber dazu mochten sich am Sonnabend die Politiker nicht äußern.

Zumindest haben sie sich gezeigt, ja als kunstsinnig erwiesen: Roth und seine Leute waren nämlich auf die pfiffige Idee verfallen, zur Wiederöffnung um die Interpretation jeweils eines Bildes zu bitten. Dass sich der als Pfennigfuchser gefürchtete Ex-Finanzminister und jetzige Ministerpräsident Sachsens, Georg Milbradt, dabei Tizians „Zinsgroschen“ ausgesucht hatte, führte zu einem tagesaktuellen Exkurs über die Steuerbelastung der Bürger. Aus denen – dies nebenbei – werden auch die Milliardenschäden der Jahrhundertflut beglichen. Tags darauf verlieh Milbradt den neu geschaffenen Sächsischen Fluthelferorden an 400 Retter.

Während sich der Pulk der Eröffnungsgäste durch die Säle schob, machte auch eine Gruppe japanischer Touristen die Runde. Da wurde die ökonomische Rolle der Kultur augenfällig. Mit gutem Grund lässt ein Banner, das vor der Fassade der Galerie weht, seinen Raffael-Putto den Dank für die Dresden erwiesene Hilfsbereitschaft gleich in drei Sprachen abstatten.

Ansonsten zeigte sich Dresden an diesem Wochenende nicht nur kultur-, sondern vor allem konsumbegeistert. Die Prager Straße, im sozialistischen Wiederaufbau zu herrischer Breite angewachsen, erwies sich angesichts der Menge der Kauflustigen endlich einmal als richtig dimensioniert. Die Normalität ist zurückgekehrt; dass am Abend in der Semperoper mit „Illusionen – wie Schwanensee“ jenes Ballett zur Aufführung kam, das bereits an dem verheerenden 13. August auf dem Programm stand, unterstreicht den Befund. Die Semperoper muss den weitesten Weg zurück zum Alltag bewältigen: Ihre Schäden, in sächsischer Gründlichkeit auf exakt 26,7 Millionen Euro beziffert, entstanden durch die Zerstörung der Haustechnik. Die lag – wo sonst! – im elbnahen Keller.

Doch nicht alles soll wieder so werden wie früher. Die Kulturinstitutionen beschreiten neue Wege der Zusammenarbeit. Unter dem Namen „Kultur Quartier Dresden“ wollen Oper, Schauspiel und Kunstsammlungen, diese stolzen Kulturflaggschiffe des Freistaates Sachsen, gemeinsam mit der Frauenkirche und der neuen Synagoge (einem Glanzlicht zeitgenössischer deutscher Architektur) auftreten. Die Details sind noch ein wenig undeutlich, aber der 9. November mit seinen gemeinsamen Veranstaltungen – zu denen sich noch die literarisch-musikalische Revue „Meilensteine“ im Staatsschauspiel gesellte – beeindruckte bereits mit der geballten Kraft der Dresdner Hochkultur.

Normalität – vor drei Monaten war sie hier kaum noch vorstellbar. Wie unglaublich die Rettung der Dresdner Kunstschätze vonstatten ging, dokumentiert das soeben erschienene Fotobuch „Gegen den Strom“. Am frappierendsten sind die Aufnahmen mit strahlendem, lichtblauen Himmel. Im Grunde aber strahlt der Himmel immer über Dresden – so oder so.

Staatl. Kunstsammlungen Dresden (Hrsg.): Gegen den Strom. Die Rettung der Dresdner Kunstschätze vor dem Hochwasser im August 2002. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2002, 184 S., geb. 28,80 €.

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