Kultur : Leuchtturm für den Wüstenstaat

Gaddafis Baumeister: Die Berliner Architekten Léon, Wohlhage und Wernik über ihre Pläne für Libyens Hauptstadt

Michael Zajonz

Über Oberst Muammar al Gaddafi redet man nicht. Dass Libyens faktisches Staatsoberhaupt so gut wie nie in den Gesprächen seiner Untertanen auftaucht, gehört zu den landeskundlichen Lektionen, die die Berliner Architekten Hilde Léon, Konrad Wohlhage und Siegfried Wernik lernen mussten. Und das im Eiltempo.

Ende April gewannen sie – nach nur wenigen Wochen Bearbeitungszeit – den internationalen Wettbewerb für ein neues Regierungs- und Parlamentsviertel in Tripolis. Vorsichtig geschätztes Investitionsvolumen: zweieinhalb bis drei Milliarden Euro. Am 1. Juli wurde der Siegerentwurf der Berliner Architekten, die erst unmittelbar vor Wettbewerbsbeginn als Nachrücker nominiert worden waren und sich gegen Branchengrößen wie von Gerkan, Marg und Partner oder Zaha Hadid durchsetzen konnten, in Tripolis öffentlich präsentiert. Bereits im Wettbewerb ließen sich die Architekten intensiv von zwei Hamburger Islamwissenschaftlern beraten: um interkulturelle Fettnäpfchen wie die Sache mit Gaddafi zu umgehen.

Gerade verhandelt Wernik in Tripolis über den Hauptvertrag für die Gesamtplanung, an der Fachplaner wie die Berliner Landschaftsarchitekten Strauma oder der Stuttgarter Tragwerksplaner Werner Sobek beteiligt sind. Und schon rollen Bulldozer an, um das 230 Hektar große Grundstück an der Straße vom Stadtzentrum zum Flughafen vorzubereiten. Ein Tempo, wie man es im bürokratischen Libyen bisher nicht kannte.

Unmittelbar vor Baubeginn stellt sich die große Sinnfrage: Wie baut man für eine Diktatur, die keine mehr sein will? Welche Formen und Inhalte verbinden sich mit „New Libya“, einem reformwilligen Staatswesen, von dem niemand weiß, wie demokratisch es einmal sein wird? Auch wenn die von den Berlinern konzipierte strenge Achse an „Brasilia“ erinnert, Lúcio Costas und Oscar Niemeyers heroisches Meisterwerk der Moderne, spricht hier doch klar die Architektursprache des 21. Jahrhunderts. Und das ohne jeden Anflug von Hightech-Protz, wie er derzeit in den Golfstaaten beliebt ist.

Hilde Léon und Siegfried Wernik, die Hauptverantwortlichen für das Megaprojekt, warnen im Gespräch entschieden vor westlichen Vorurteilen gegenüber dem Wüstenland am Mittelmeer, das fünf Mal größer ist als Deutschland, aber nur 5,7 Millionen Einwohner zählt. Als Land im Umbruch haben beide die Sozialistische Libysch-Arabische Dschamahirija, wie Libyen offiziell heißt, bei ihren Besuchen kennengelernt. Nachdem sich Gaddafi vom Terrorismus distanziert und Entschädigungen für Attentatsopfer gezahlt hatte, wurden 2003 die westlichen Wirtschaftssanktionen gegen den einstigen „Schurkenstaat“ aufgehoben. Noch sind Repressionen in Libyen legitimes Mittel der Politik, wie unlängst der Skandal um die bulgarischen Krankenschwestern gezeigt hat. Aber Siegfried Wernik blickt lieber nach vorn: „Natürlich gibt es eine fragwürdige Vergangenheit, aber es gibt auch ‚New Libya’, eine Aufbruchsbewegung, die den ökonomischen Wandel des Landes betreibt. Ob das politische Konsequenzen hat, wird sich noch zeigen.“ Es ist – wie in China – wieder einmal die Ökonomie, die zum Motor gesellschaftlicher Veränderungen werden soll. Die noch dünne Schicht selbständiger Unternehmer schart sich um Saif al Islam al Gaddafi, den zweitältesten Sohn des Revolutionsführers. Der als Kronprinz Gehandelte hat selbst Architektur studiert und weiß, wie nützlich anspruchsvolle westliche Baukunst für das Image seines Landes sein wird. Kennengelernt haben Léon und Wernik ihn noch nicht.

Stattdessen treffen sie auf junge, gut ausgebildete und motivierte Fachleute, etwa in der staatlichen Bauverwaltung. Welcher Geist in die zu errichtenden Bauten einmal einziehen wird, steht auf einem anderen Blatt: Léon Wohlhage Wernik bauen für 10 000 Ministeriumsmitarbeiter und bis zu 1500 Delegierte des Allgemeinen Volkskongresses. Entsprechend ausgreifend ist die Gesamtplanung: Entlang eines langgestreckten, künstlich bewässerten Palmengartens erstrecken sich die wie Zähne eines Kamms aufgestellten Ministeriumsblöcke, verbunden durch Arkaden, vor der Sonne geschützt durch steinerne Fassaden, deren sparsame Fensteröffnungen die Prinzipien altarabischer Baukunst ins Hier und Jetzt übersetzen. Den nördlichen Abschluss des Gartenplatzes bildet eine Moschee, im Süden konzentrieren sich das Parlamentsgebäude, der Amtssitz des Ministerpräsidenten und ein 140 Meter hoher Hotelturm. Etwas abseits soll eine ökologisch nachhaltige Energie- und Entsorgungszentrale entstehen, ein Novum im Erdölland Libyen.

„Tripoli Greens“, wie der Entwurf getauft wurde, verspricht das bisher größte Projekt der Berliner Architekten zu werden. Hilde Léon und Konrad Wohlhage, beide Jahrgang 1953 und auch privat ein Paar, gründeten ihr Büro 1987. Zehn Jahre später stieß Siegfried Wernik dazu: Der ehemalige Stuttgarter Büroleiter von James Stirling und Michael Wilford ist ein Organisationsgenie. Léon und Wohlhage verstehen sich als Entwurfskünstler – eine perfekte Kombination, die mittlerweile durch etwa 40 Mitarbeiter ergänzt wird, Tendenz steigend. Mit Bedacht wachsen: Léon, Wohlhage und Wernik gehören nicht zu den Überfliegern der Zunft. Ihre wichtigsten Bauten waren von den Dimensionen her bislang bescheiden. In Berlin zählen das elegante Bürohaus an der Autobahnausfahrt Halensee dazu, die Bremer Landesvertretung am Landwehrkanal und die sandsteinrot leuchtende indische Botschaft.

Seit 2000 ist Hilde Léon Professorin an der Universität Hannover. Zur Architektur-Biennale in Venedig 2002 lud sie als Kommissarin des Deutschen Pavillons Studenten ein, sich über die Baukunst der Zukunft Gedanken zu machen. Über den Nachwuchs von damals schwärmt sie noch heute: „Ich finde, dass in Deutschland ziemlich gute Architekten ausgebildet werden. Junge deutsche Architekten sind im Ausland beliebt – weil sie strukturiert denken und ihre gestalterischen Ideen mit Know-how umsetzen können.“ Ein paar dieser Talente werden Léon, Wohlhage und Wernik zur Verstärkung für ihr großes libysches Abenteuer sicher noch brauchen können.

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