Kultur : LeuchtturmderAufklärung

Zeitgeist in seiner besten Verfassung. Zum 75. Geburtstag von Jürgen Habermas

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Als Joschka Fischer vor wenigen Wochen in die Liga der hundert lebenden Personen aufstieg, die weltweit die größte Popularität genießen, wurde allgemein bekannt, dass er in diesem illustren Kreis nicht der einzige Deutsche ist. Der Politiker muss sich den Ruhm mit einem Philosophen teilen, der schon länger im obersten Rang der globalen Publicity sitzt und dort sogar die Größen aus Sport und Showgeschäft überragt.

Wenn man der Statistik glauben darf (und nicht fragt, wie sie zu ihren Daten kommt), ist Jürgen Habermas tatsächlich der berühmteste Deutsche. Belehrt uns die Statistik darüber, dass wir – trotz allem – im Ausland noch immer als Volk der Dichter und Denker gelten? Oder ist es Habermas’ höchst eigenes Verdienst, wenn er weltweit als Leuchtturm der Aufklärung sichtbar ist?

Das ist eine rhetorische Alternative. Natürlich beruht die Popularität des am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborenen Theoretikers auf einer Lebensleistung, für die es in Deutschland keine Parallele gibt. Selbst wenn wir Adorno, Jaspers oder Heidegger, Max Weber oder Niklas Luhmann zum Vergleich hinzuziehen, tritt die alles überragende Präsenz dieses Autors hervor.

Aber sein Werk und seine Wirkung sind ohne den unablässig erneuerten Bezug auf die deutsche Tradition nicht denkbar. Zunächst war es Schelling, dann waren es Hegel und Marx, dann kamen Dilthey und Nietzsche, Freud, Weber und der (leider lange verschwiegene) Gehlen hinzu. In den letzten dreißig Jahren wurde Immanuel Kant zum bevorzugten Hintergrund, vor dem Habermas seine „Diskurstheorie“ als das fortgeschrittenste Projekt der Moderne profilierte.

Wenn er inzwischen auch in Teheran, in Peking oder in Kyoto als Botschafter eines nicht trennenden, sondern Solidarität erzeugenden europäischen Geistes gefeiert wird, dann hat das mit seiner Fähigkeit zu tun, seinem Denken den Charakter einer logischen Konsequenz aus einer kritisch überprüften Überlieferung zu geben. Habermas bringt das philosophische Erbe stets als die präsente Bedingung einer neu gewonnenen Einsicht ein.

Unter dem nicht gerade eingängigen Begriff der „Detranszendentalisierung“ betreibt Habermas das Geschäft einer umfassenden Säkularisierung der Philosophie. Er begnügt sich nicht damit, den gewünschten Abschied von der Metaphysik zu proklamieren, sondern er versucht ihn in der Sache zu vollziehen. Dabei geht er davon aus, dass sowohl das menschliche Erkennen wie auch das Handeln von Elementen getragen wird, die von universeller Gültigkeit sind. Sie können weder aus rein empirischen noch aus bloß historischen Bedingungen hergeleitet werden.

Schon in der Konzeption des Programms der „Detranszendentalisierung“ liegt eine große philosophische Leistung. Aber sie ist, wenn man die Philosophie des 20. Jahrhunderts Revue passieren lässt, keineswegs singulär. Simmel und Husserl, Cassirer und Heidegger, Plessner und Gehlen, Lorenzen und Apel haben allein in Deutschland vergleichbare Absichten verfolgt. Dieter Henrich ist mit der bloßen Analyse des Selbstbewusstseins in der Sache zu mindestens gleichrangigen Einsichten gelangt.

Doch Habermas übertrumpft sie alle, indem er die Überwindung der wach gehaltenen Tradition nicht als die Leistung seiner Theorie, sondern als die notwendige Konsequenz der Modernisierung beschreibt. Die Philosophie bringt nur zur Sprache, was sich in der Gesellschaft vollzieht. Damit ist er ein Denker, der sich definitionsgemäß auf dem Scheitelpunkt der eigenen Zeit bewegt. Das erklärt die Akzeptanz seines Denkens in den Wissenschaften, die sich primär mit der Analyse der modernen Lebenswelt befassen; es macht auch verständlich, warum er bei den progressiven Publizisten und Politikern so hohes Ansehen genießt. Habermas scheucht die Eule der Minerva bereits in der Morgendämmerung auf. Damit hat er, so meine ich, der Philosophie einen großen Dienst erwiesen.

Ohne die Leistung der Gründer der Frankfurter Schule, Horkheimer und Adorno, zu schmälern, muss man sagen, dass die Institution der „Kritischen Theorie“ erst in Jürgen Habermas zur Person geworden ist. Die Kritik war bei ihm niemals bloß das Prinzip seiner wissenschaftlichen Arbeit; er hat sie vielmehr zum Element seines ganzen öffentlichen Daseins gemacht. Seit vierzig Jahren ist er an allen großen Debatten der Bundesrepublik beteiligt; er hat sich dabei stets in die Mitte des Konflikts begeben und sich persönlich nicht geschont. Dass er dabei parteilich war und sich nicht selten auch vergriffen hat, gehört zur Natur des Streits. Entscheidend ist, dass er sich stets als ein auf seine Gegenwart bezogener Aufklärer exponierte. Das aber heißt: Die Vernunft, mit der er argumentierte, gestand er stets auch seinem Gegenüber zu.

In diesem Geist ist Jürgen Habermas zu einem Denker geworden, der auch als Bürger demonstriert, dass sich jeder in seiner Gegenwart zu bewähren hat. So überführt er die eingeschriebene Modernität seiner philosophischen Theorie in die Geistesgegenwart der politischen Existenz. Da er sich in ihr schon lange keiner Nation mehr verpflichtet fühlt, ist er zum leibhaftigen Weltbürger geworden. Das hebt ihn wirklich aus dem Kreis der Denker hinaus, die wir bislang in Deutschland hatten. Welches Glück für die Deutschen, dass ein solcher Mann nicht nur im eigenen Land viel gilt, sondern weltweit größtes Ansehen genießt.

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