Kultur : Levines letzte Lockung

Abgesang mit Mahler: Münchens Philharmoniker verabschieden ihren Chef

Christine Lemke-Matwey

Wie sich die Bilder gleichen: Als der greise, von Krankheit gezeichnete Sergiu Celibidache Mitte der Neunzigerjahre die letzten Male ans Pult „seiner“ Münchner Philharmoniker trat, waren das Momente voller Glanz und Beschwerlichkeit. Die physische Einschränkung, das Dirigieren im Sitzen, die endlos langen Podiumswege – dies alles trug durchaus dazu bei, die Aura des streitbaren und umstrittenen Klangfetischisten noch zu verdichten. Wo die Anstrengung des Berufs sichtbar wird, ja wo sich die Kunst dem Leben buchstäblich abtrotzt, da liegt das Transzendente eben nah oder jedenfalls: näher als sonst. Und „Celi“ wusste solche Räume zu füllen.

Auch James Levine, Celibidaches Nachfolger, dirigiert seit geraumer Zeit im Sitzen, auch der 61-Jährige wirkt in seinem Aktionsradius erschreckend reduziert, ja gedämpft. Rückenprobleme, so die offizielle Version, Parkinson, die etwas weniger offizielle. Dass Levine sich nach nur fünf Jahren von den Münchner Philharmonikern verabschiedet, kennt allerdings auch andere Gründe. Die Erwartungen nämlich dürften sich wechselseitig kaum erfüllt haben: Weder bescherte Levine den Philharmonikern ein eigenständiges und im Ranking der zweitbesten Symphonieorchester dieser Welt irgend unverwechselbares Profil, noch lösten sich die Hoffnungen der Musiker ein, an der Seite dieses global players (Bayreuth! Die Met! Die Drei Tenöre!) endlich ganz groß ins Platten- und Tourneegeschäft einzusteigen. Derlei gab der Markt 1999 längst nicht mehr her.

Und so kam „Jimmy“ Levine in der Isarmetropole nie wirklich an, blieb Durchreisender mit wachsender Sehnsucht nach seiner amerikanischen Heimat, erzog das Orchester weniger, als dass er sich seiner traditionellen Qualitäten bediente (des erdigen Timbres, der handfesten Musikalität, des individuellen Einsatzwillens), wurde respektiert, aber nicht geliebt. Ein Super-Profi und eine wahrscheinlich weit mehr in sich versponnene Künstlerseele, als man vermuten würde, aber kein Programmatiker, kein Charismatiker, niemand, dessen Sensorium die Zukunft der Musik im sozialen Sinne je durchhörbar gemacht hätte.

Zu seinem Münchner Abschied und vor dem Antritt seines Nachfolgers Christian Thielemann bescherte sich Levine (nach einer länglichen Strecke von Absagen) zwei Mammut-Programme, in deren Genuss er ab Herbst weder an der Met, noch als neuer Chef des Boston Symphony Orchestra so schnell kommen dürfte: ein konzertanter „Parsifal“ und ein so authentischer wie monströser, 160-minütiger Mahler-Abend mit „Lied von der Erde“ nebst Zweiter Symphonie. Bruno Walter hatte das „Lied“ einst zur Münchner Uraufführung 1911 mit der Zweiten, so genannten Auferstehungs-Symphonie gekoppelt, wie um dem Abgesang eine Hoffnung zu geben, der Trauer einen Trost.

Diese Idee allerdings funktioniert nur, solange man unterstellt, Mahler habe an die (christliche) Auferstehung auch wirklich geglaubt – all dem hämischen Glockengeplärr und den wie irre vorbeistolpernden Militärkapellen des Finalsatzes zum Trotz. Hier bleibt Levine Haltung schuldig: Weder treibt er das Ganze so auf die Spitze, dass es sich am Ende selbst zerfetzt, noch beugt er – klanglich gesprochen – sein Haupt in Demut. Stattdessen viel mächtig lautes Getöse, gähnende Höllenrachen, Apokalypse now – und ein ganz und gar honigsüßer Ländler im zweiten Satz.

Dieses Orchester ist wahrlich sehr „gesund“. Und Levine ist immer dann gut, nämlich deutlich, wenn er extrem sein kann. In den langen Durchführungsstrecken des ersten Satzes jedoch, wenn es darum geht, das Geheimnis zu schüren und der Entwicklung eine Richtung zu geben, fehlt ihm die Kraft, wird die Musik schnell unverbindlich und grau. Mit kaum merklicher Zeichengebung wendet er sich auch dem „Lied von Erde“ zu, und natürlich bekommt das Gehenlassen, das Aushauchen und letztmalige Innehalten hier eine andere Dimension. Die Sänger (Anne Sofie von Otter, Johan Botha) hinter die Philharmoniker zu postieren, erweist sich dabei akustisch zwar als denkbar ungünstig, formuliert aber den richtigen Anspruch, im „Lied“ die Neunte vor der Neunten zu sehen. Erneut viel kompaktes Blech, massige Lautstärken, grellgezackte Einwürfe. Aber auch zerstäubende Klangreize in „Von der Schönheit“, betörende Holzbläsersoli – und ein „Abschied“ wie von Debussy.

Das Münchner Publikum feiert Levine frenetisch, als sei man erleichtert darüber, dass dieses Nicht-Verhältnis so anständig beendet wird. Auf Christian Thielemann aber warten Aufgaben: die alte Innigkeit wieder herzustellen zwischen Orchester und Dirigent, in der Stadt Spuren zu legen, das Profil zu schärfen. Vor allem müssten die Musiker das Fahle, Gebrochene, weniger Bodenständige neu lieben lernen. Bruckner, Strauss und Beethoven jedenfalls, so wird marktschreierisch plakatiert, „sind schon sehr neugierig“ auf Thielemann und „freuen sich“ auf ihn. Hoffentlich zu Recht.

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