Kultur : Liberté,toujours

Werte für Europa: Alfred Grosser in Berlin

Moritz Schuller

Die Berliner Akademie der Künste war in fröhlich antikapitalistischer Stimmung. Am Abend zuvor hatte man das Gebäude am Pariser Platz zwar noch gewinnbringend an die Deutsche Bank vermietet, aber kaum spricht Alfred Grosser dort, wo eben noch Josef Ackermann getafelt hatte, sollte wieder alles beim Alten sein. „Die Wirtschaft ist entronnen“, sagte Akademiepräsident Adolf Muschg, das einfache Mitglied Rolf Hochhuth freut sich über Grossers „hoffnungsvoll stimmende Kapitalismuskritik“.

Dessen Thema war zwar „Europas Werte nach Frankreichs Nein“, aber wie bei Grosser üblich, wurde dabei vielen Affen Zucker gegeben, nicht nur dem kapitalismuskritischen. Er sei für eine Leitkultur, sagte der 80-jährige Publizist, Martin Walser habe Recht gehabt, in Deutschland werde zu oft die Auschwitzkeule geschwungen, und der Historikerstreit sei nur entstanden, weil Habermas unfähig sei, korrekt zu zitieren. Bedacht wurden aber auch Irakkriegsgegner („Bush und Blair sind Lügner“) und die Gegner des Zentrums für Vertreibung (Erika Steinbach, so Grosser, laufe mit einer falschen Identität durchs Land).

In einem dogmatischen Land wie Deutschland macht das alles keinen Sinn. (Wie muss es ihm da erst in Frankreich gehen?) Die einen klatschen, wenn Grosser die neue Struktur des Kapitalismus beklagt und dass der Mehrwert schnöde abgeschöpft und nicht mehr reinvestiert werde. Andere klatschen, als er es eine Katastrophe nennt, dass in Deutschland Geschichte erst 1933 beginne und er von einer historischen Entwurzelung der Deutschen spricht. Nur als Grosser zum Kern seines Vortrags kommt und die Freiheit lobt, als ersten Grundwert, klatscht keiner, fragt keiner nach. Den Freiheitsaffen gibt es in Deutschland offenbar nicht. Dabei sei die historische Legitimität Deutschlands, sagt Grosser, die Freiheit – anders als in allen anderen europäischen Ländern. Die Wiedervereinigung sei nichts anderes als die erste Osterweiterung der Freiheit. Und deshalb hätten auch Schröder und Chirac nichts verstanden, die sich vor den Augen der Balten und Polen mit Putin verbinden.

Erst die Freiheit erlaube es uns, den wirklich größten Grundwert Europas zu leben: das Verständnis für das Leiden anderer. Dass sowohl Deutsche als auch Franzosen damit bisweilen Probleme haben, läge eben auch daran, sagt Alfred Grosser, dass sie zu sehr mit sich beschäftigt seien – die einen aus Selbstüberschätzung, die anderen aus Selbstmitleid.

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