Kultur : Licht, Luft, Sonne

Nicht nur in Berlin: Wie in den zwanziger Jahren Wohnungen für jedermann geschaffen wurden

Nach dem Ersten Weltkrieg erreichte die Wohnungsnot in ganz Europa katastrophale Ausmaße. Demobilisierung und Landflucht spülten immer mehr Menschen in die Städte. In Berlin lebte allein eine halbe Million Menschen in Wohnräumen, die von fünf oder mehr Bewohnern genutzt werden mussten.

Eine neue, demokratisch geprägte und sozial verantwortliche Kultur war das Ziel von Künstlern, Architekten und Politikern. Nicht nur genug zu essen, sondern auch Bildung für alle, dazu Licht, Luft und Sonne: Das Programm der architektonischen Erneuerung lautete überall gleich. Nur die Formen, in denen es verwirklicht wurde, unterscheiden sich.

In Berlin bot die bescheidene Prosperität der zwanziger Jahre die Möglichkeit zu öffentlichem Wohnungsbau. Erste Ansätze zu sozial orientierten Siedlungen hatte es schon vor 1914 gegeben. So die wegen ihrer Farbigkeit als „Tuschkastensiedlung“ bekannte Gartenstadt Falkenberg, die Bruno Taut ab 1912 entwarf. Unter dem sozialdemokratischen Stadtbaurat Martin Wagner entstanden nach derartigen Vorbildern große Siedlungen, an denen die Avantgarde des „neuen bauens“ mitarbeitete: die Gebrüder Bruno und Max Taut, Walter Gropius, Otto Häring, der junge Hans Scharoun, der Schweizer Otto Rudolf Salvisberg. In Zehlendorf wuchs die Onkel-Tom-Siedlung zu einem Manifest der gesellschaftlichen Gleichheit mitten im bürgerlichen Nobelvorort – und zu einem Manifest des „neuen bauens“ mit Flachdach und strikter Reihenhausanordnung, während in der Nähe konservative Architekten wie Paul Schmitthenner Einzelhäuschen mit Satteldach dagegensetzten. Onkel Tom zählt übrigens wegen der Privatisierung der Reihenhäuser und den damit verbundenen Problemen der Einhaltung denkmalpflegerischer Auflagen nicht zu den Unesco-geadelten Berliner Siedlungen.

Einen „neuen Typ des sozialen Wohnungsbaus“ – den das Welterbekomitee als Begründung anführt – gab es, in anderen Formen, auch anderenorts: in Frankfurt am Main streng funktionalistisch, nach Sonnenstand ausgerichtet, in Amsterdam als Neuinterpretation heimischer Traditionen, in Wien in Gestalt der monumentalen „Arbeiterpaläste“, die den Anspruch auf politische Teilhabe symbolisieren. In der jungen Sowjetunion entstanden ganz neue – alsbald verworfene – Formen der Verbindung von Leben und Arbeiten, in denen herkömmliches Wohnen keine Rolle mehr spielte.

Aber auch in anderen Orten Deutschlands, etwa in Karlsruhe oder Köln, natürlich in Dessau als dem Sitz des „Bauhauses“, aber auch im beschaulichen Celle entstanden Wohnsiedlungen aus öffentlichen Mitteln für sozial Schwache, wenn nicht gar „Wohnungen für das Existenzminimum“, wie eine gängige Forderung in der Weimarer Republik lautete. Die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung, das Modellvorhaben des Deutschen Werkbundes von 1927, fasst alle Varianten zusammen: Villen von Le Corbusier, ein Geschosswohnungsbau von Mies van der Rohe, dazu Kleinstwohnungen der Holländer Mart Stam sowie J.J.P. Oud, dessen Rotterdamer Siedlungen gleichfalls zu den Inkunabeln der Moderne zählen. Die Weißenhof-Siedlung, die international den zweifellos größten Einfluss ausübte, zählt nicht zu den Welterbestätten. Bislang konnten sich der Bund als Eigentümer und die Stadt Stuttgart nicht auf eine durchgreifende Sanierung der Anlage einigen, die seit Jahrzehnten eher nur verwaltet statt gepflegt wird. BS

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