Kultur : Licht und Liebe

Pop als Hochleistungssport: Jennifer Lopez singt zum Auftakt ihrer Deutschlandtournee in der Berliner O2-World.

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Locken im Wind. JLo präsentiert sich als Weltstar von nebenan. Foto: Thomas Peter, rtr
Locken im Wind. JLo präsentiert sich als Weltstar von nebenan. Foto: Thomas Peter, rtrFoto: REUTERS

„Papi“ ist nicht nur das, was „Rappelkiste“-Kinder in den siebziger Jahren zu ihrem Vater sagten, wenn der ihnen mal wieder Stubenarrest verpasste. Sondern auch ein Latinoausdruck für „Geliebter“, quasi das Pendant zu „My heart belongs to Daddy“. Das muss man wissen, wenn man sich JLos Song „Papi“ anhört, sonst kommt er komisch rüber: „Move your body, move your body, dance for your Papi!“ Am Samstag brachte JLo 10 000 Zuschauern in der Berliner O2-World ein bisschen Slang bei: „Where are my girls?“ „Hiiiiiiiiiier!“, schrien alle Frauen begeistert, klimperten mit den Armreifen und stampften mit den High Heels. „And where are my Papis?“ – „Hiiier“, brummelten die Männer viel leiser, sie waren es wohl einfach nicht gewöhnt, von einer hübschen, fremden Latina Papi genannt zu werden.

Sie sieht auch nicht nur hübsch aus, Jennifer Lopez, geboren 1969 in der Bronx und seit den Achtzigern als Tänzerin, Schauspielerin und Sängerin unterwegs. Sie sieht vor allem stark aus. Wenn man ihr krumm kommt, oder ihre beiden Kinder schief anguckt, dann kickboxt sie einen vermutlich mit einer speziellen Straßenkampftechnik in die Ecke. Sie scheint von vorn aus Muskeln und goldglänzender Haut zu bestehen, von hinten sind die vielen, vielen in der O2-World permanent und erstaunlicherweise von allen Seiten durch unsichtbare Windmaschinen angepusteten langen Locken, und natürlich der Hintern prominent. Den muss man erwähnen, schließlich ging jahrelang das Gerücht herum, sie habe ihn für 27 Millionen Dollar versichern lassen.

Das stimmt nicht. Aber JLo ist clever, streetwise passt in diesem Fall noch besser, und so gehört zu ihrem Image nicht nur das „Ich bin immer noch eine von Euch“-Mantra, das sie in „Jenny from the block“ auf die Spitze treibt, sondern eben auch der selbstbewusste Umgang mit der Tatsache, die James Brown wohlwollend als „You gotta have something to sit on it, baby“ ausdrücken würde.

So überirdisch strahlend und beeindruckend glatt die 43-jährige Sängerin auch erscheint, wenn sie in ihrem nudefarbenen Catsuit mit Perlen an den schönsten Stellen oder im roten Flitterröckchen über die Bühne tobt und „Papi“ singt: Dass man sie sehen und physisch spüren kann, weil sie garantiert mehr als 50 Kilo wiegt, das ist angenehm. Und ungewöhnlich für eine US-amerikanische Künstlerin ihrer Kragenweite. Ihre „Dance Again“-Show zerfällt in musikalische und modische Themenblöcke.

Es beginnt mit „Old Hollywood Glamour“. JLo trägt eine elegante Federrobe, singt „Love don’t cost a thing“ und „I’m into you“ und erzählt, dass sie 1989 in Berlin in einer Broadwayshow tanzte, als die Mauer fiel. Nächstes Kapitel: „Back to the Bronx“. JLo zeigt ihren schimmernden Bauch in einer mit Diamanten gepimpten Großstadt-Hinterhof-Deko zu silbernen Turnschuhen und glitzerndem Hoodie, führt Streetdancemoves vor und singt „I’m real“ sowie „Jenny from the block“.

Weiter im Programm: „Funky/Love“. JLo räsoniert im mintfarbenen Elfenkleid über die Liebe und zeigt minutenlang Fotos und Videos von ihren Kindern. Das irritiert ein wenig, schließlich achten Superstars normalerweise darauf, dass ihre Kinder nicht in diesen ganzen Zirkus hineingezogen werden. Zuletzt: „Party Section“. Dabei geht es noch mal mächtig um die Tanz-Wurst, am Ende zuckt die gesamte O2-World begeistert zu der komischen JLo-Lambada-Variante „On the floor“, ihrem Hit aus dem siebten, 2011 erschienenen Album „Love?“.

In einer Umkleidepause zeigt Jennifer Lopez ein Video, auf dem sie neben ihrem Freund, dem 26-jährigen Casper Smart sitzt. Beide gestehen einander gestisch ihre Liebe. Casper Smart ist bei der Show dabei, er ist einer der glattrasierten Modelmuskeltänzer. Nach dem Konzert wird sie mit ihm ins Hotel fahren und ein paar Stretchübungen machen, ihre Mutter und die Zwillinge, von deren Vater Marc Anthony sie getrennt ist, schnappen, und weiter zum nächsten Konzert nach Belgien fliegen. Die Frau ist eine Höchstleistungsmaschine mit puertoricanischen Wurzeln. Sie hat bislang 55 Millionen Tonträger verkauft, tritt in Spielfilmen auf, launcht Parfüms mit Namen wie „Glow“ und „Love & Light“, ist Jurorin bei „American Idol“ und hat eine eigene Kollektion mit recht langweiliger, aber konsequent mit einer „Plus Size“-Section ausgestatteter Mode.

Lopez absolviert viele Auftritte auf roten Teppichen, oft im Pelz, was sie bei Tierschützern zu einer der meistgehassten Berühmtheiten gemacht hat. Auf der Webseite der Tierschutzorganisation Peta kann man in einem Computerspiel eine Zeichentrickfigur in eine JLo-Pelzfabrik wandern und Nerze retten lassen. „Fur bully from the block“, höhnen die Peta-Aktivisten, „Pelzarsch aus der Nachbarschaft“. Peta ist dafür bekannt, mit harten Bandagen zu kämpfen.

Aber das wird Jennifer Lopez nicht abschrecken. Vor ihrer Zeit als „Beniffer“ (mit Ben Affleck) ist sie mal mit ihrem damaligen Freund, dem Rapper Puff Daddy, in New York in eine Schießerei verwickelt worden. Angst? Kennt JLo nicht. Sie steckt sich einfach heimlich ein paar echte Diamanten in die Boxhandschuhe und schlägt zurück. Jenni Zylka

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