Kultur : Licht und Schatten bei Gewitter

ELFI KREIS

Fotogramme sind nichts für richtige Fotografen", verkündet Floris Neusüss lächelnd, "sie sind eigentlich nur etwas für Künstler. Ein Fotogramm ist flach, es hat kein Volumen. Es ist unkalkulierbar und steckt voller Verblüffungsmomente. Ich weiß bei meiner Arbeit vorher selbst nie ganz genau, was dabei herauskommt und muß mich überraschen lassen".

Überraschen wird Neusüss mit seiner Kunst der kameralosen Fotografie gewiß manchen Ausstellungsbesucher bei Camera Work. Denn Neusüss zählt nicht nur zu den namhaftesten unter den seltenen Vertretern dieser speziellen Technik. Im Umgang mit auf lichtempfindlichen Fotopapieren plazierten Objekten aller Art, deren Silhouette sich auf dem Blatt abzeichnet, ist er zugleich auch einer der experimentierfreudigsten. Die Werkschau bei Camera Work beginnt mit virtuosen Pflanzen- und Blütenfotogrammen: hauchzarte oder elegante, abstrakte bis erotisch anspielungsreiche Kompositionen, bei denen das Fehlen der Kamera leicht in Vergessenheit gerät. In Anspielung an "UFOs" entstehen sogenannte "ULOs".

Für diese "Unidentified Lying Objects" benutzt Neusüss alltägliche Dinge des Haushalts. Objekte, wie sie praktisch jederzeit zur Hand, aber als Bild nur noch schwer wiederzuerkennen sind. Die spektakulären "Nudogramme" und deren ganz spezielle Weiterentwicklung als "Nachtbilder" aber stehlen den kleinen, intimen Formaten ein wenig Schau. Sie sind etwas ganz Besonderes. In voller Lebensgröße erscheint bei den "Nudogrammen" die schwarze, wie schwebend und substanzlos wirkende Körpersilhouette des Aktmodells auf großformatigen Papierbögen. Neusüss versteht das geisterhafte Moment raffiniert in Szene zu setzen: er zeigt eine Frau mit wehenden Haaren, und entspechender Haltung wie mitten im freien Sprung.

Die ersten "Nachtbilder" entstanden ab 1960 in Berlin. In einer Gewitternacht packte Neusüss bei strömenden Regen Fotopapiere und zerknüllte Papierkugeln unter den Arm und ließ sein Fotogramm im nächtlichen Garten von den Blitzen belichten. "Nachtbild mit Mensch" heißt eine solche neue Arbeit von 1991 (25 000 Mark). Neusüss arangiert dazu des Nachts im Garten sein Modell auf Papierbögen, drapiert unter anderem Laub und Blätter drumherum. Das Ergebnis ist ein dreiteiliges, komplexes Mammutfotogramm von furioser Dynamik und Dramatik. Eine von Licht-und Schatten gepeitschte Szenerie, in der sich der Veitstanz eines Rumpelstilzchen mit Visionen aus Shakespeares Sturm in der Fassung von Peter Greenaway gepaart zu haben scheint.

In den 80er und 90er Jahren entstehen zudem lebensgroße Porträtfotogramme von Persönlichkeiten des Kunstlebens wie Klaus Honnef oder dem Mode- wie Porträtfotografen F.C. Gundlach. Kamerafotografien der 50er und sogenannte "Traumbilder" der 60er Jahre ergänzen das von Neusüss erstaunlich vielseitig ausgelotete Möglichkeitsspektrum der Fotogramme (Preise von 1000 bis 25 000 Mark).

Camera Work, Kantstraße 149, bis 24. Juli; Dienstag bis Freitag 11 - 18 Uhr, Sonnabend 11 - 16 Uhr.

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