Kultur : Licht und Schatten

Die RETROSPEKTIVE folgt den Spuren des Weimarer Filmwunders.

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Der Titel ist eine wunderbare Wortneuschöpfung: „The Weimar Touch“. So haben die Macher die Retrospektive dieser Berlinale genannt, die 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt die Spuren verfolgt, die die Filmwunder der Weimarer Republik im Weltkino hinterließen. Darin klingt der „Lubitsch-Touch“ nach, die musikalische Leichtigkeit jener Komödien, die der Berliner Regisseur Ernst Lubitsch schon in den zwanziger Jahren aus den Studios von Potsdam-Babelsberg nach Hollywood gebracht hatte, die den Siegeszug der Screwball Comedies einläutete und von dort wieder nach Europa zurückstrahlte.

Von Lubitsch ist seltsamerweise kein Werk zu sehen, dafür aber die Jahrhundertkomödie Some Like It Hot seines Schülers Billy Wilder, der dem Lehrer als Drehbuchautor für dessen Film „Ninotschka“ nach Amerika gefolgt war. Und ein paar Ufa-Filme, die erst nach 1933 in Deutschland entstanden, aber noch deutlich unter dem Einfluss von Lubitsch und dem Witz von Weimar stehen: die Verwechslungskomödie Viktor und Viktoria (1933) des späteren Hollywood-Emigranten Reinhold Schünzel, Paul Martins temporeiches Lustspiel Glückskinder mit seinem swingaffinen Foxtrott-Soundtrack (1936) und die Aufschneider-Klamotte Einmal eine große Dame sein (1934) von Gerhard Lamprecht. Lamprecht gründete später die Deutsche Kinemathek, die heute die Berlinale-Retros organisiert.

Das „tausendjährige Reich“ begann für den deutschen Film mit einem Aderlass. Mehr als 2000 Künstler aus der Branche flohen vor den Nationalsozialisten. Dabei ging der Riss mitunter mitten durch ein Filmteam. Als die Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl die Premiere ihres Arktis-Dramas „SOS Eisberg“ mit Hitlergruß auf einer Kinobühne feierte, war der Produzent Paul Kohner bereits auf dem Weg nach Hollywood, wo er zu einem der einflussreichsten Agenten aufsteigen sollte. Ironischerweise traten viele jüdische Emigranten in ihrer neuen Heimat als Vorzeige- Arier in Erscheinung – Reinhold Schünzel und Peter van Eyck etwa als SS-Männer in zwei Propagandafilmen über das Heydrich-Attentat, Hangmen also die und Hitler’s Madman (1943), die beide zum Programm gehören, das 31 Werke aus Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Portugal, den Niederlanden und den USA umfasst. Künstler wie „Hangmen“-Regisseur Fritz Lang transportierten eine neue Ästhetik nach Hollywood, hart ausgeleuchtete Licht- und Schattenspiele. Weil es in diesen Filmen kaum einmal hell wurde, erfanden französische Kritiker nach dem Krieg einen neuen Begriff für das Genre: Film noir. Christian Schröder

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