Kultur : Licht und Zwielicht

Kirchner-Restitution: Ein Gutachten erklärt die Rückgabe für rechtmäßig

Frederik Hanssen

Ernst-Ludwig Kirchners „Straßenszene“ wäre das perfekte Plakatmotiv für jenes „Berlin in Lights“-Festival, das die New Yorker Carnegie Hall im November veranstalten wird. Das 1913 entstandene Gemälde des Brücke-Künstlers zeigt mondäne Flaneure im hellen Schein elektrischer Straßenbeleuchtung: Berlin, glanzvoll und der Zukunft zugewandt – so hat sich die Stadt schon immer gerne gesehen. 17 Tage lang wird in der US-Metropole Berlin gefeiert, mit Kabarett, Film, Architektur, Kunst, Gastspielen von Max Raabe und den Berliner Philharmonikern. Neben der Carnegie Hall sind das MoMA, das Guggenheim Museum wie die Neue Galerie beteiligt.

Kirchners berühmtes Bild taucht nicht in der Werbung für „Berlin in Lights“ auf. Denn um das Gemälde tobt seit langem ein Streit, bei dem es vor allem um die Schattenseiten deutscher Geschichte geht. Tekla Hess, die Witwe eines jüdischen Schuhfabrikanten, hatte es 1936 in die Obhut des Kölnischen Kunstvereins gegeben, der es im Jahr darauf an den Frankfurter Sammler Carl Hagemann verkaufte. Von 1980 bis zum Sommer 2006 gehörte es zu den Prunkstücken des Berliner Brücke-Museums. Dann gab das Land Berlin das Gemälde im Zuge eines Restitutionsverfahrens den Erben zurück, die es wiederum bei Christie’s versteigerten. Für umgerechnet 26 Millionen Euro erhielt der Industrielle und Besitzer der Neuen Galerie, Ronald S. Lauder, den Zuschlag. Seit kurzem zeigt er das expressionistische Meisterwerk in den Räumen seines noblen Ausstellungsbaus an der Fifth Avenue. New York im Licht.

Erbittert wurde in den vergangenen Monaten in Deutschland die Frage diskutiert, ob die Rückgabe rechtens gewesen sei. „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann erklärte am 29. April im Tagesspiegel, die Museen seien schon moralisch zur Rückgabe verpflichtet. Kunst-Auktionator Bernd Schultz erwiderte am 12. Mai in dieser Zeitung, nicht die NS-Diktatur, sondern wirtschaftliche Schwierigkeiten der Familie Hess seien Ursache für den Verkauf des Kirchner-Bildes gewesen. Diese These widerlegt nun ein Gutachten des Rechtsanwalts Gunnar Schnabel und der Historikerin Monika Tatzkow. Im Auftrag der Hess-Erbin Anita Halpin trugen sie in Zürich, Basel, London und Köln ein Fülle neuer Fakten zusammen. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass Tekla Hess trotz eines Konkurses der Schuhfabrik Ende 1932 in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen lebte. Während sie nach der „Machtergreifung“ in Deutschland blieb, brachte sie ihre Kunstsammlung zunächst in der Schweiz in Sicherheit. 1936 holte sie die Kunstwerke allerdings zurück, weil sie laut Gutachten die „Reichsfluchtsteuer“ nicht bezahlen konnte, die auf die Ausfuhr von Vermögenswerten erhoben wurde. Wegen „Devisenschieberei“ wurden andere Kunstsammler sogar ins Konzentrationslager verschleppt.

Der Preis von 3000 Reichsmark, den Hagemann 1937 für die „Straßenszene“ zahlte, sei keinesfalls, wie bislang angenommen, „angemessen“ gewesen, heißt es weiter. Der Versicherungswert für Kirchners „Potsdamer Platz“ beispielsweise habe schon 1931 bei 15 000 Reichsmark gelegen. Die Frage, ob Tekla Hess das Geld überhaupt erhalten hat, konnten auch Tatzkow/Schnabel nicht klären.

Gegen Barbara Kisseler, die als Kulturstaatssekretärin die Restitutionsverhandelungen führte, hat die Direktorin des Berliner Brücke-Museums, Magdalena Möller, unterdessen Vorwürfe erhoben. Sie sei von der Kulturverwaltung dazu aufgefordert worden, so die Museumsdirektorin, ihre Rolle im Verfahren verzerrt darzustellen. Frau Kisseler war am Samstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Der Sprecher der Kulturverwaltung, Torsten Wöhlert, erklärte, er könne „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ ausschließen, dass Frau Möller zu einer wahrheitswidrigen Aussage gedrängt worden sei.

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