Kultur : Lichtarchitekt

Baukunst: eine Monografie würdigt Rudolf Fränkel

Markus Bauer

„Was macht zuletzt Reklame der Kritik so überlegen? Nicht was die rote elektrische Laufschrift sagt – die Feuerlache, die auf dem Asphalt sie spiegelt“, schrieb Walter Benjamin über die Leuchtschrift. Vielleicht dachte er dabei an die „Lichtburg“ im Wedding: Der Name des Varieté-Kinos strahlte bei einer spektakulären Lichtschau in roten Lettern in den Himmel, darunter rotierten drei 3000-Watt-Scheinwerfer, und die runde Fassade wurde von zwölf Meter hohen Lichtbahnen mit tausend Glühbirnen überblendet. Die Lichtburg gehörte zur Atlantic-Anlage am Bahnhof Gesundbrunnen mit mehreren hundert Wohnungen, das der junge Berliner Architekt Rudolf Fränkel als ersten Auftrag fertiggestellt hatte. Es wurde 2006 renoviert. Das Kino, das bis zum Mauerbau viele Besucher aus dem Ostsektor anzog, war 1970 abgerissen worden.

Fränkel ist heute nur noch Spezialisten ein Begriff – zu Unrecht, wie Gerardo Brown-Manrique in der ersten Monografie über den Berliner deutlich macht. Zehn Jahre hat der amerikanische Architekturhistoriker Fränkels Spuren verfolgt und legt nun eine detaillierte Werkbeschreibung einschließlich knapper Biografie vor. Fränkels weitere Berliner Aufträge – eine Wohnanlage am Schöneberger Stadtpark, Wohnhäuser in Frohnau – verraten einen eleganten Stil, der ihn als einen eigenständigen Vertreter des Neuen Bauens an die Seite von Walter Gropius oder Erich Mendelssohn stellt. Als der Architekt und seine Frau Deutschland 1933 verlassen mussten, ging er nach Rumänien, wo er sich nach kurzer Zeit ebenfalls mit auffälligen Bauten hervortat. Mit dem jungen Modernisten Horea Creanga realisierte Fränkel in Bukarest am markant modern gestalteten Boulevard Magheru das Wohn-und Geschäftshaus „Malaxa“ sowie das Kino- und Bürogebäude Scala mit einer geschwungenen Fassade und horizontalen Fensterbändern im Stil Mendelssohns. Am entgegengesetzten Ende integrierte der Architekt einen Turm, der mit einer quadratischen Schachbrettstruktur versehen war und als Eingang diente. Der Kontrast der Quadrate zur Dynamik des eleganten Schwungs gibt dem Gebäude seine unverwechselbare Prägung.

Fränkel, der 1974 als pensionierter Stadtplaner in den USA starb, nachdem er zuvor in England gelebt hatte, realisierte nach Brown-Manriques Ansicht eine „romantische“, weniger dogmatische Version des Neuen Bauens. Sein sensible Erforschung auch der inneren Raumsituation zeigt sich nicht zuletzt an Fränkels Villen, in denen er häufig auch die Möblierung entwarf. Neben Beispielen aus Bukarest und England ist es die fast palladianische Villa Stern bei Breslau/Wroclaw, die in ihrer modernen Klassik Zeugnis gibt von den Qualitäten des heute fast vergessenen Raumkünstlers. Markus Bauer

Gerardo Brown-Manrique: Rudolf Fränkel and Neues Bauen. Work in Germany, Romania and the United Kingdom, Wasmuth, Tübingen/Berlin, 148 S., 34,80 €

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