Kultur : Lichte Höhen, dunkle Höhlen

ELFI KREIS

Der dänische Künstler Per Kirkeby ist ein Multitalent, ein schöpferischer Universalgelehrter.Er hat sich nicht nur als Bildhauer, Maler, Zeichner und Grafiker eigenwilliger Metamorphosen zwischen Landschaft und freien Strukturen international einen Namen gemacht.Kirkeby ist auch Schriftsteller, Autor zahlreicher Gedicht- und Essaybände.In frühen Jahren machte er Performances mit Beuys, Nam June Paik und Björn Nörgaard.Er drehte Filme und beteiligte sich am Architektenwettbewerb für das Kunstmuseum Aarhus.Als promovierter Geologe nahm Kirkeby mehrfach an wissenschaftlichen Expeditionen nach Grönland, Mittelamerika und in die Antarktis teil.

Die Galerie Seitz / von Werder widmet ihre Ausstellung einem zentralen Gedanken von Kirkeby: dem der "Wahrheit in der Malerei".Die Schau mit einer Auswahl von Arbeiten auf Papier geht dabei von der Wahlverwandtschaft und Auseinandersetzung Kirkebys mit dem Philosophen und Sprachwissenschaftler Ludwig Wittgenstein aus.Die Beschäftigung mit dessen Persönlichkeit, Leben und Werk spielt für ihn seit langem eine große Rolle.

1967 publizierte Kirkeby ein als "Roman" bezeichnetes Bändchen mit dem merkwürdigen Titel "2,15".Des Rätsels Lösung: "2,15" bezeichnet einen Paragraphen aus Wittgensteins Werk "Tractatus logico-philosophicus", das Kirkeby als eines seiner "heiligen Bücher" bezeichnet.Das Werk interessiert ihn vor allem als ästhetische Konstruktion, als poetische Schöpfung, weniger als Meilenstein der modernen Logik."Die Welt ist alles, was der Fall ist", lautet der vielzitierte erste Paragraph Wittgensteins."Was aber ist eigentlich der Fall?", fragt Kirkeby.Beiden geht es, vereinfacht gesagt, um das Verhältnis des Bildes zur sichtbaren Welt.

Kirkeby schuf zu Ludwig Wittgensteins "Bemerkungen über die Farbe" ein Portfolio mit vier Farbradierungen.Diese vier Radierungen in Kombination mit den Texten von Wittgenstein bilden den Mittelpunkt der Ausstellung (zusammen 12 800 DM).

Die eigenen Bilder hat Kirkeby einmal als "Summe von Strukturen, Sedimentation aus dünnen Schichten einer im Prinzip endlosen Ablagerung" beschrieben.Bei den Grafiken bestimmt eine besondere Dramaturgie die Abfolge der Blätter.Sie werden zusehends leichter und luftiger, bis inmitten der weißen Leere des Papiers nur noch zwei Flecken in schwebendem Tanz die meditativ und fernöstlich anmutende Komposition bestimmen.Bei den ersten beiden erinnern die verdichteten Formen mit bläulichen, wolkigen Einschüben hingegen an felsige Bodenformationen.Daneben gruppieren sich Arbeiten in Gouache, Pastell, Kohle und Tusche: Farblandschaften von großer Stille, Weite und Tiefe (bis 17 500 DM).Abstraktes und Gegenständliches vermischt sich in lichten Höhen und dunklen Höhlen.Inmitten von Schluchten und Abgründen gerät plötzlich Flüchtiges in freie Bewegung.Einen Schwerpunkt bilden Arbeiten von 1993/94, Druckgrafik (1200 DM bis 3200 DM) ergänzt das Angebot.

Galerie Seitz / von Werder, Wielandstraße 34, bis 17.April; Montag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.Heute (12 Uhr) Vortrag von Karlheinz Lüdeking.

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