Kultur : Lichte Momente

Jörg Königsdorf

Und wieder ist alles Licht. Auf dass nicht der kleinste Rest von Ungewissheit bleibe. Kent Nagano und die romantische Sinfonik, das sind auf den ersten Blick zwei Pole, die einander abstoßen: hier der mitleidlos klärende Blick, dort eine Musik, die raunend Erhabenheit beschwört, bei der das blendende Licht der Fanfaren ebenso wenig Sicht erlaubt wie die düsteren Schattenzonen. Und doch hat der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters bisher gerade mit seiner Sicht auf einen gar nicht weltschmerzversessenen Mahler, auf einen erstaunlich modernen Bruckner am stärksten fasziniert.

Diesmal im Konzerthaus also Bruckners Dritte, in der knapp eineinviertelstündigen Urfassung. Ein Fall, bei dem besonders viel zu erhellen ist: Mit schier endlosen Wiederholungen und einem sonderbar kruden, nach Patchwork-Art zusammengehefteten Finale. Doch auch diesmal hat Naganos Bestrahlungstherapie Erfolg. Ihm gelingt der Nachweis, dass Bruckner mit seiner XXL-Version Recht hatte. Die ausufernde Exposition der Themengruppen im Kopfsatz tritt als geschlossene Form deutlich hervor, weil Nagano nicht den Fehler begeht, in der Schönheit der Themenepisoden zu baden. Das scheinbar so problematische Finale wird zum trotzigen Versuch, die gegensätzlichen Sphären der Sinfonie, das Elegische, das Tänzerisch-Sinnliche, das Fanfarenhaft Heroische, zusammenzufügen - und Bruckner ist plätzlich nicht mehr der weltfremde Alte, sondern ein junger Wilder, der mit beinahe naiver Roheit aus einem Übermaß an Kraft heraus agiert.

Gleiches widerfährt vor der Pause Tschaikowskys erstem Klavierkonzert. Der virtuose Reißer offenbart mit einem Mal sein Potenzial als kultivierter Diskurs. Eine Sicht, für die der 30-jährige Nikolai Lugansky der bestmögliche Partner ist: Mit fantastisch leichter Tongebung macht er die französische Romanze im Mittelsatz zur schwerelosen Caprice; mit einer Atem beraubenden Mischung aus Kraft, Präzision und Eleganz wird die große Geste zum gescheiten Spiel. Ohne jeden Rest an Dunkel.

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