Kultur : Lichte Trauer

Alleingang: Robert Forsters Album „The Evangelist“

Gerrit Bartels

Als Robert Forster 1990 kurz nach der Auflösung der Go-Betweens erstmals in die Verlegenheit kam, ein Soloalbum veröffentlichen zu müssen, fand er dafür einen schön passenden Titel: „Danger In The Past“. Doch erlag er selbst keineswegs der Gefahr, seiner alten Band nachtrauern oder nacheifern zu wollen. Forster gab den tapfersten und toughesten aller einsamen Dandys und schrieb spröde Songs wie nie, gerade im Vergleich mit dem letzten, samtweichen Go-Betweens-Werk „16 Lovers Lane“. Nach dem plötzlichen Tod seines langjährigen Partners Grant McLennan vor zwei Jahren stand Forster vor demselben Dilemma: Wie mit der Vergangenheit umgehen, der Gefahr, diese zu verklären, sich in ihr zu verlieren, zumal er und McLennan in den nuller Jahren ein grandioses Go-Betweens-Comeback gefeiert hatten.

Robert Forster hat sich dieses Mal für die Bruchlosigkeit entschieden, für einen sehr sanften Übergang in die Go-Betweens-lose Ewigkeit: „The Evangelist“, sein erstes Soloalbum nach zwölf Jahren, ist das gleichzeitig schönste wie untypischste Forster-Soloalbum. Man könnte auch sagen: „The Evangelist“ ist ein weiteres Go-Betweens-Album, nur ohne McLennan, aber dafür so gut, dass man den Abwesenden gar nicht vermisst.

Was seine Gründe hat, sind doch drei der zehn Stücke von McLennan noch mitgeschrieben worden, das berückend-traurige „Demon Days“ sowie die beiden Sonnenfluter „Let Your Light In, Babe“ und „It Ain´t Easy“. Ersterer ist vermutlich einer der besten Songs, den McLennan jemals geschrieben hat, von Forster ergreifend interpretiert mit der Zeile „But something’s not right, something’s gone wrong“. Alle drei Songs demonstrieren noch einmal aufs beste, wie sich Forster/McLennan die Arbeit aufteilten, vor allem aber, was ihre Magie ausmachte. McLennan war bei den Go-Betweens für die großen Popmomente zuständig, für den Herzschmerz, das Hingebungsvolle, mitunter an der Grenze zum Kitsch. Forster dagegen gab sich cool, kantig und abwartend und bremste, wenn nötig.

Alles, was seinen Partner auszeichnete, hat Forster nun auf „The Evangelist“ bei sich selbst zugelassen. Da sind die Mandolinensolos und die Schubidubidus auf „Let Your Light In, Babe“ genauso am rechten Platz wie die zart-zwitschernden Geigen in „It Ain’t Easy“. Aber auch Forsters Kompositionen sind anschmiegsamer, schmachtender, das schlagzeuglose, etwas düstere Eröffnungsstück „If It Rains“, das übersprudelnde „Did She Overtake You“ oder der tieftraurige Titelsong. Über allem schwebt hier die Trauer über den Verlust des langjährigen Partners, in Texten wie in der Musik, das aber adäquat, würdevoll, ohne Schmierschmier. Die wirklich schweren Zeiten, die stehen Robert Forster nach diesem tollen Album erst noch bevor. Gerrit Bartels

Robert Forsters „The Evangelist“ ist bei Tuition Records erschienen.

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