Kultur : Lichtlenker

Der Stararchitekt Richard Meier wird 70

Bernhard Schulz

Es gibt die hübsche Anekdote, dass sich die Jury für die Pariser Bastille-Oper vollkommen sicher war, welcher Architekt sich hinter dem anonym gekürten Siegerentwurf verberge – und dann entsetzt feststellte, keinen Richard Meier zu finden.

Der Amerikaner zählt zu den signature architects, den Architekten mit unverkennbarer Handschrift. Wer ihn beauftragt, weiß, was er zu erwarten hat – oder glaubt es vielmehr zu wissen, denn natürlich wartet Meier noch stets mit einer Überraschung auf. Aber diese Überraschungen halten sich im Rahmen eines festen Kanons. Meier spielt mit den Grundformen von Rechteck und Kreis, lässt halbrunde Atrien aus seinen Gebäuden heraustreten, durchflutet seine Bauten mit Licht – und verweigert ihnen Farbe. Als „weißen Prinzen“ hat man ihn, in Anlehnung an Walter Gropius, bezeichnet. Als er das Getty Center vor den Toren von Los Angeles baute (1984 – 1997), wollte er es in weißes Metall kleiden wie so viele seiner Bauten. Es bedurfte eines Machtwortes, ihm zumindest für die äußeren Fassaden dieser Gralsburg des Geistes Naturstein aufzuerlegen, weil das Weiß in der Sonne Kaliforniens einfach too much gewesen wäre.

Meier, 1934 in Newark geboren, wurde mit öffentlichen Bauten berühmt. Kurz hintereinander eröffneten Anfang der Achtzigerjahre das „Atheneum“ in Indiana, das High Museum of Art in Atlanta sowie das Museum für Kunstgewerbe in Frankfurt am Main, das ihn in Europa etablierte. Ungewohnt waren damals die weitläufigen Rampen, die die Verkehrswege des Gebäudes mit der Ausstellungsfläche verschränkten. So empfindet sich der Besucher selbst als Akteur auf einer Bühne, deren eigentliches Schauspiel indessen das wechselnde Tageslicht ist. Die Bewegung, der Meier Form gibt, ist immer eine doppelte: die der Nutzer und die des Lichtes. Aus der Durchdringung gegeneinander knapp versetzter Achsen ergeben sich spannungsvolle Raumkontinuen, gleitet der Besucher unmerklich von einem Raum in einen anderen, lernt, Meiers Bauten mit den Füßen zu „lesen“ und ihre strenge, doch variationsreiche Ratio zu begreifen. Darin ist Meier, anders als seine andere Wege gegangenen Gefährten der Gruppe „New York Five“ der Sechzigerjahre, ein getreuer Erbe der Moderne.

Der Pritzker-Preis, dieser „Nobelpreis der Architektur“, war 1984 der frühe Ritterschlag seiner anbrechenden Weltgeltung. In Deutschland entwarf er nach dem Frankfurter Museum das Stadthaus in Ulm und die Siemens-Verwaltung in München; in Kürze wird das Baden-Badener Burda-Museum eingeweiht. Durch seine zahlreichen Bauten auf dem alten Kontinent – in Den Haag, Paris oder Barcelona – wird Meier hierzulande geradezu als europäischer Architekt wahrgenommen. Die derzeit beste Monografie zu seinem Werk hilft, diesen Eindruck zurechtzurücken und die Grundzüge seines beeindruckenden Œuvres zu erkennen (Kenneth Frampton: Richard Meier. Electa Architecture, Mailand 2003. 504 S., 1063 Abb., 95 €). Mit dem Getty Center hat er der uramerikanischen Verheißung der city upon the hill eine zeitgemäße Gestalt verliehen.

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