Kultur : Lichtschlösser, Luftschlösser

Architektur des Expressionismus: Eine Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv blickt tief ins deutsche Gemüt

Michael Zajonz

„Architektur ist kultisch“, behauptete Hans Hollein in seinen wilden Tagen, „sie ist Mal, Symbol, Zeichen, Expression. Architektur ist Kontrolle der Körperwärme, ist Konditionierung eines psychologischen Zustandes.“ 1970 dekretierte der Künstler-Baumeister aus Wien, wahre Architektur sei alles Mögliche, nur nicht gebaute Funktionalität.

So originär, wie sie damals erschien, war Holleins revolutionäre Attitüde freilich nicht. Schon einmal, am Ende des Ersten Weltkriegs, hatten Architekten, Dichter und bildende Künstler gemeinsam versucht, auf den Trümmern einer ästhetisch wie politisch überlebten Ordnung die kommende, alles integrierende Baukunst zu errichten. Lange galt die Architektur des deutschen Expressionismus als Betriebsunfall der Moderne – zu individuell, nicht oder kaum realisierbar. Unter dem Titel „Bau einer neuen Welt“ zeigt das Berliner Bauhaus-Archiv nun einen profunden Überblick. Die Ausstellung entstand in Kooperation mit den Bremer Kunstsammlungen Böttcherstraße, wo sie in Bernhard Hoetgers Paula-Modersohn-Becker-Haus zu sehen war. Der Ort selbst geriet dort zum wichtigsten Exponat – als backsteinerne Behauptung nordischer Gemütskraft.

Die Präsentation im aus allen Nähten platzenden Bauhaus-Archiv muss sich nun auf 120 Objekte beschränken. Neben Inkunabeln wie Mies van der Rohes Fotomontage seines Hochhausentwurfs für die Friedrichstraße zwängt sich vieles, was weniger bekannt ist. Zarte Skizzen, mineralisch kühle Schaubilder und Modell gebliebene Entwürfe versöhnen in ihrer opulenten Fülle mit dem, was leider fehlt: simple Konstruktionszeichnungen sowie aktuelle Fotos der wenigen ausgeführten Bauten.

Gemeinschaft im Gleichklang

Noch immer überrascht die anarchische Energie einer Baukunst, die sich damit spielend vom Gros heutiger Architekturkonfektion abhebt. Wer allerdings die aktuellen Positionen von Daniel Libeskind bis Frank O. Gehry auf Vorläufer hin untersucht, wird schnell bei den kristallinen Brocken und amöbenhaften Rundlingen der Expressionisten fündig. Mehr noch: Die Waschbeton-Tristesse der Siebzigerjahre ist einem Materialbewusstsein gewichen, das selbst einem Max Taut oder Hans Poelzig gefallen hätte. Im Licht aktueller Vielfalt und Akkuratesse weitet sich so der historische Resonanzraum expressiver Architektur. Der Königsweg der „Weißen Moderne“ erweist sich so als nur eine mögliche Antwort auf die Stilverwirrung des 19. Jahrhunderts. Doch trotz aller angestrengten Symbolik unterscheidet sich der „Expressionismus aus zweiter Hand“ (Wolfgang Pehnt) fundamental von der baukünstlerischen Ideenproduktion zwischen 1910 und 1925. Die Expressionisten – egal, wo sie politisch standen – wollten durch Baukunst Rituale schaffen, ja eine Gemeinschaft in Gleichklang versetzen. Ihr Sendungsbewusstsein ähnelte einer religiösen Mission. Ihr Ziel war die moralische Läuterung des müden Europa; zumal nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs. Und sei es durch die Frieden stiftende Überbauung der Alpen, wie sie Bruno Taut in seinem 1919 erschienenen Buch „Alpine Architektur“ propagierte.

Traumbau mit Stadtkrone

Die Berliner Schau zeigt allerdings auch eine keineswegs einheitliche, weltanschaulich konsistente Bewegung. Völkisch-nationale Strömungen, vertreten durch Bernhard Hoetger, Fritz Höger oder den Sonnenanbeter Fidus, hatten hier ebenso ihren Platz wie Bruno Tauts Gesinnungs-Sozialismus. Auch die stilistische Bandbreite war gewaltig. Der Kritiker Adolf Behne übernahm als erster den Terminus von der Malerei, als er 1913 über das Werk Tauts befand, es sei „dem innersten Sinne nach expressionistisch“.

Charakterisiert der Begriff Expressionismus nun aber gleich die ganze Epoche oder handelt es sich doch bloß um eine aufgewühlte Episode im Leben karrieregebremster Architekten? War Hans Poelzig, immerhin Erbauer der knallbunten Berliner Theatertropfsteinhöhle Großes Schauspielhaus, in seinen besten Jahren Expressionist? Er selbst sah sich lieber als Gotiker.

Wenn es denn überhaupt etwas Verbindendes gegeben hat, dann das Pathos, mit dem einige philosophische Formeln bis zum Überdruss strapaziert, bestimmte Bauaufgaben wie die „Stadtkrone“ als expressionistisches Traum-Bau-Bild immer wieder umkreist worden sind. Der Maler und Designer Wenzel Hablik etwa fantasierte sich unmittelbar nach der Inflationszeit in das Projekt einer freitragenden Kuppel von 1000 Metern Spannweite hinein. Frei Otto hat 50 Jahre später derartige Konstruktionen im Modellversuch erprobt. Utopie und Größenwahn – im 20. Jahrhundert haben sie sich immer wieder einmal getroffen.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 15. September. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 192 S., 24 €.

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