Lichtschutzfaktor : Die Geschichte der Sonnenbrille

Diktatoren lieben sie, Filmstars machen sie zum Modeaccessoire: eine kleine Geschichte der Sonnenbrille.

Christiane Peitz
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Blinde Schönheit. Audrey Hepburn in dem Thriller „Warte, bis es dunkel ist“ (1967). Foto: picture-aliiance/photoshot

Greta Garbo trug eine, Miles Davis und Ray Charles. Audrey Hepburn wurde Trendsetterin, Karl Lagerfeld und Udo Lindenberg gehen nicht ohne sie aus dem Haus, Heino sowieso nicht. Elvis und Warhol, Gaddafi, Jackie O., Paris Hilton, sie alle sind ohne Sonnenbrille kaum denkbar. Marilyn Monroe machte Werbung für sie, Peggy Guggenheim hat sie gesammelt, Elton John mag sie gefedert oder mit Bergkristallen besetzt. Und Joschka Fischer führte sie im Bundestag ein, als er mit dunklen Gläsern auf der Nase zum Rednerpult ging.

Die Sonnenbrille. Lichtschutz, Kultobjekt, Markenzeichen. Man nimmt eine verspiegelte und signalisiert Virilität. Man schiebt sie beim Flirten ins Haar und wagt erste Blicke. Man trägt schrille Schmetterlings- oder sportliche Pilotenform, psychedelisches Nickelrund oder untertassengroße XXL-Gläser. Ob Maschinenlook, Doppelstegbrille oder GucciGlamour: Die Sonnenbrille ist beides, Sein und Design, Gebrauchsgegenstand und Ich-Theaterrequisit. Barbara Stanwyck wurde mit ihr zur „Frau ohne Gewissen“ und Catherine Deneuve zur „Belle de Jour“, wenn sie tagsüber auf Männerbeutefang ging.

Kinder halten sich die Augen zu und glauben, sie sind unsichtbar. Hallo, ich bin weg, hurra, wieder da. Die Sonnenbrille als Sicht- und Blickschutz kultiviert das Fort-Da-Spiel, wie Sigmund Freud es nannte. Man zieht die Blicke auf sich, indem man die Augen verhüllt: Schau mich an, aber komm mir nicht nah. Max Frisch hat den Helden seines Romans „Mein Name sei Gantenbein“ mit Blindenbrille ausgestattet; der Mann simuliert Blindheit für den besseren Durchblick. „Man kann einen Blinden nicht hinters Licht führen“, sagt der Rollenspieler Gantenbein. Der blinde Seher, das gab es schon in der griechischen Tragödie.

In ihrer kürzlich erschienenen „Kleinen Kulturgeschichte der Sonnenbrille“ versammelt die Autorin Karin Hartewig auf 150 Seiten mengenweise Wissenswertes (und einen albernen „Brillen-Knigge“ über das prägnante Accessoire der Selbstinszenierung. „Der verhüllte Blick“, so der Buchtitel, er ist so alt wie die Ära der Mobilität. Zwar nutzten schon die Römer farbiges Glas als Blendschutz, auch die Eskimos hatten keine Lust, andauernd zu blinzeln, und schnitten Sehschlitze in Seehundsrippen. Im 19. Jahrhundert stritten sich die Ophthalmologe darüber, ob nun gelbe Filter, kräftigendes Grün oder braunes Rauchglas heilsamer seien. Eine regelrechte Sonnenbrillen-Industrie entwickelte sich jedoch erst im 20. Jahrhundert.

Die Automobilisten, die HolzklasseFahrer in der Eisenbahn, die Kunstflieger und Bomberpiloten, die Sportfreaks, Naturfreunde, Sonnenanbeter – sie alle brauchten als agil-mobile Zeitgenossen Schutz vor Wind und Staub, vor Rauch, Kälte und den UV-Strahlen der Sonne. Von Design konnte zunächst keine Rede sein, das Outfit der Gläser ähnelte eher heutigen Taucherbrillen: Es gab Lederfassungen mit Gummischnüren, Blechrahmen mit Drahtgazekörben, gebogenes Zelluloid in Wildlederfassung und Reisebrillen zum Falten. In Deutschland erfand Josef Rodenstock im Jahr 1905 die ersten Gläser, die tatsächlich die schädliche ultraviolette Strahlung wegfilterten. Das Werk von Nitsche & Günther in der westlich von Berlin gelegenen Optiker-Stadt Rathenow wurde ein erster Marktführer.

Schon bald jedoch befreit sich die Sonnenbrille, selbst ein Mittel der Befreiung, vom schnöden Zweck der Protektion. Zur „Lust an der Beschleunigung und am Sonnenkult“, schreibt Karin Hartewig, gesellt sich die „Lust an den der schnellen Maskerade und am kleinen Luxus für alle“. Die Sonnenbrille wird Marken- und Massenartikel in einem Jahrhundert, das beides verlangt: Konformismus und Exzentrik, wie Hartewig treffend bemerkt.

Deshalb gibt es bei aller indiviualistischen Vielfalt der Outfits am Ende doch nur wenige Brillentypen, die alle Welt trägt. Mit Bedeutungsverschiebungen, je nach politischem Jahrzehnt, gesellschaftlichem Kontext und Modetrend. Und mit nationalen Eigenheiten, von der für die Turiner Straßenbahnschaffner entwickelten und für den Extremsport aufgerüsteten italienischen Persol über die französischen Chic-Modelle à la Dior bis zur sexy Foster Grant für den amerikanischen Ostküstentouristen während der Großen Depression. Später, in den Siebzigern, eignet sich Elvis die Foster Grant an und macht sie zur Insignie des King of Rock ’n’ Roll.

Die weltweit erfolgreichsten Sonnenbrillen sind die Aviator und die Wayfarer von Ray Ban. Der Name der Firma rührt daher, dass die Aviator als erstes amerikanisches Modell die UV-Strahlen bannte. Mit ihren Metallbügeln und der ergonomischen Tropfenform war sie zunächst für Piloten entwickelt worden, damit sie im Cockpit problemlos auf die Armaturen hinabschauen können. Die Air Force setzte sie im Zweiten Weltkrieg ein, bis heute ist die Aviator bei Militärs, Polizei und Despoten beliebt, oft in der abweisend verspiegelten Ausführung. Auch Nicolas Sarkozy trägt sie gern.

Weil die GIs die Aviator nach Deutschland mitbringen, avanciert das MachoAccessoire jedoch auch zum friedlichen Vorboten des Wirtschaftswunders. Rodenstock entwickelt ein elegantes Modell für die davongekommenen deutschen Fräuleins, während auf der anderen Seite des Atlantiks James Dean mit der Wayfarer Furore macht. Lange bevor die breitrandige, schwarze Brille mit dem „Blues Brothers“-Film den Achtzigerjahreschick etabliert, trägt Audrey Hepburn die Wayfarer in „Frühstück bei Tiffany‘ s“ zum kleinen Schwarzen. Und wechselt 1966 zur weißen, überformatigen Extravaganz der Oliver Goldsmith in „Wie klaut man eine Million“.

Will heißen: Auch Hollywoodstars tragen die getönten Brillen nicht nur, um sich vor Blitzlichtgewittern zu schützen, die Paparazzi in Schranken zu weisen und einen letzten Rest Privatsphäre zu wahren, sondern aus Imagegründen. Auf der Leinwand wie auf dem roten Teppich. Extremsportler James Bond bevorzugt eine kleinere, biegsame Version der italienischen Persol, die „Men in Black“ tragen die Ray Ban Predator zur Schau, Clint Eastwood war als „Dirty Harry“ mit einer Ray Ban Balorama ausgestattet.

Was die Zuordnung von Modell und Typus betrifft, ist Hartewigs Buch ebenso unerschöpflich wie einschlägige Internetseiten. Jack Nicholson zitiert die Autorin mit dem großartigen Satz: „Wenn ich meine Sonnenbrille trage, bin ich Jack Nicholson – ohne sie bin ich einfach nur ein fetter Siebzigjähriger.“

Geheimnisträger und Hingucker, Camouflage und Exhibitionismus – im visuellen Zeitalter ist die Sonnenbrille die Maske der Moderne schlechthin, das ideale Verkleidungs-Schmuckstück. Mit ihr wird jeder zum private eye. Man wünscht Diskretion, legt Wert auf Dominanz und liebt die erotische Spannung im Vexierspiel von Verbergen und Entblößen, von Intimität und Distanz. Die Sonnenbrille macht’s möglich. Für Bodyguards, Cooljazzer und Easy Rider, Gangster und Diktatoren, für alternde, ihre Einsamkeit stilisierende Diven und vor allem für den flanierenden Großstädter.

Demokraten zeigen sich eher selten mit Augenschutz. Demokratie ist Transparenz, offene Gesellschaft, da verbirgt man nicht seinen Blick. Deshalb berührt in Hartewigs Buch ein Foto besonders, auf dem Willy Brandt mit Leonid Breschnew zu sehen ist, nach Abschluss der Ostverträge 1971. Man fährt Motorboot, beide tragen Sonnenbrille. Entspannungspolitik vor der Zeit. Aber die Politiker schauen trotz Brille nicht cool, sondern besorgt zurück in die Gischt, sie wittern Kritik und Ärger. Das Ende des Kalten Krieges lässt auf sich warten. Die Sonnenbrille nimmt es vorweg.

Karin Hartewig: Der verhüllte Blick. Kleine Kulturgeschichte der Sonnenbrille. Jonas Verlag, Marburg 2009. 152 S., 15 €.

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