Lido-Lichtspiele (2): "Black Mass" : Rettet die Kunst!

Beim den Filmfestspielen Venedig präsentierte Schauspieler den Johnny Depp den Old-School-Film "Black Mass" im Palazzo del Cinema - und wirkte dabei etwas neben der Spur.

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Leicht verpeilt. Johnny Depp beim Fototermin zum Film "Black Mass" bei den Filmfestspielen in Venedig.
Leicht verpeilt. Johnny Depp beim Fototermin zum Film "Black Mass" bei den Filmfestspielen in Venedig.Foto: dpa

Wer hat Johnny Depp bloß diese lächerliche Halbglatze übergestülpt? Es ist Johnny-Depp-Tag beim Filmfest Venedig; schon Stunden vor der Premiere von „Black Mass“ drängeln sich hunderte Fans am roten Teppich vor dem Palazzo del Cinema. Ohne Kunststoff auf dem Kopf sieht er zweifellos besser aus, auch wenn er bei der Pressekonferenz so verpeilt wirkt wie immer auf Podien. Einer wie Depp kann sich Attitüden leisten.

Der Lido in den Händen der Mafia. Nach der Dokufiction „Italian Gangsters“ in der Nebenreihe „Orizzonti“ läuft Scott Coopers „Black Mass“ außer Konkurrenz im Hauptprogramm, mit Depp als Jimmy Bulger. Bostons mächtigster Mobster der 70er und 80er Jahre kooperierte über viele Jahre mit dem FBI. Erst „Spotlight“ mit Michael Keaton als „Boston Globe“- Reporter, nun gleich noch eine Story aus der Hauptstadt von Massachusetts, und noch ein Old-School-Film.

„Black Mass“ ist klassisches Genrekino, mit den schlechtestgekleideten Killern in dessen Geschichte. Trotz stahlblauen Mörderaugen, gruselig schlechten Zähnen und angestrengter Coolness will es Depp nicht gelingen, gegen seine Halbglatzen-Applikation anzuspielen. Hat das auf dem Set keiner gemerkt? Ohne Autosuggestion ist Kino, ist Kunst nicht zu haben. Was man sich während eines Filmfestivals alles so schönguckt, begreift man ja selbst oft erst hinterher.

Möchtegern-Diva à la Florence Foster Jenkins

Marguerite (Catherine Frot) im gleichnamigen französischen Wettbewerbsfilm ist eine Meisterin der Selbsttäuschung. Sie kann nicht singen, aber sie lebt für die Oper: eine adelige Möchtegern-Diva à la Florence Foster Jenkins, die Koloratur singt, als Carmen, Norma und Königin der Nacht auftritt. Die ergebenen Bediensteten und scheinheiligen Gäste im Chateau auf dem Land spielen ihr Spiel routiniert mit. Bis sie eines Tages in Paris auftreten will, vor normalem Publikum ... Ein Zwanziger-Jahre-Kostümfilm, so überdreht (und mitunter auch so indisponiert) wie seine Heldin, eine Parabel über Mut, Leidenschaft, Heuchelei. Und über die Liebe, die jeder Blamage spottet.

Wer rettet die Kunst? Der russische Regisseur Alexander Sokurow, der 2011 mit seinem somnambulen „Faust“ den Goldenen Löwen gewann, ist mit „Francofonia“ auf den Lido zurückgekehrt. Eine deutsch-französische Koproduktion, ein essayistisches Poem über den Louvre im Zweiten Weltkrieg. Zärtlich tastet die Kamera die Meisterwerke der europäischen Malerei ab, all die Porträtierten, die uns über die Jahrhunderte hinweg anblicken.

Sokurow würdigt jene Männer, die Frankreichs Kunst im Dienst der Nazis vor den Nazis beschützten: den deutschen Grafen Wolff-Metternich und den französischen Museumschef Jacques Jaujard. Napoleon, Hitler und Marianne geistern durch die Szenerie, und man denkt an die gerade erst zerstörten Schätze von Palmyra. Barbarei bleibt Barbarei, auch wenn hier der Louvre verschont wurde.

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