Kultur : Liebe als Menschenopfer

CHRISTINA TILMANN

Dieser Film ist eine Provokation.Ein Ärgernis.Auf eine Weise lustig, daß einem schon nach der zweiten Szene das Lachen vergeht.Psychologisch auf eine Art, daß einem jegliche Freude an Psychodramen ausgetrieben wird.Und so aggressiv, daß man entsetzt aus dem Kino laufen möchte.Ein Witz, der keiner ist.Ein zynisches Experiment, das unerbittlich Schritt für Schritt vorangetrieben wird.Eine Schraube, die sich dreht, bis es kracht im Gewinde.

Der dänische Regisseur Lars von Trier, bester und bekanntester Filmemacher seines Landes, macht sich mit "Idioten" einen bitteren Spaß mit dem Zuschauer, dem er die eigene Befangenheit vor Augen führt.Und das, indem er sich hinter die Anonymität eines "Dogmas" zurückzieht.Denn "Idioten" ist - nach Thomas Vinterbergs nicht minder verstörendem "Fest" - der zweite Film unter dem provokanten "Dogma 95": Mit den Mitteln eines Amateur-Filmers rechnet er mit unseren Kinogewohnheiten ab.Eine Abrechnung, die sich der Zurechnung entzieht.

Schritt Nr.1: Das Spiel macht Spaß.Karen, die im Restaurant lustlos in ihrem Billiggericht stochert, beobachtet halb amüsiert, halb beunruhigt, wie einige Behinderte die Ruhe stören, indem sie die pikierten Restaurantbesucher herzlich und aufdringlich begrüßen.Ihnen im gleichen Zug die Servietten klauen.Und sich nur widerwillig von Kellner und Betreuerin Susanne beruhigen und hinausführen lassen.Auf der Rückfahrt herrscht ausgelassene Heiterkeit im Wagen: "Ihr seid unmöglich", faucht Susanne die beiden Jungs an.Diese brechen darauf in schallendes Gelächter aus: "Das Essen hätten wir uns doch niemals leisten können."

Auch im Kino Gelächter.Ein Spaß, mehr nicht? Es ist eine ernstzunehmende Utopie, zu der sich eine Handvoll junger Leute in einem heruntergekommenen Landhaus vor den Toren von Kopenhagenzusammengeschlossen hat.Hier leben sie in einer eigenartigen Kommune, um ihren "inneren Idioten" zu finden, "gaga" zu sein, wenn sie es wollen und mit frech gespieltem Infantilismus die Umgebung zu schockieren.Nach "Verstehen Sie Spaß?"-Manier werden Situationen gestellt - im Schwimmbad, in der Fabrik - , und immer gewinnt, wer am dreistesten den Behinderten mimt.Keineswegs pc, aber von anarchischem Witz.

Schritt Nr.2: Das Spiel wird ernst.Der Umwelt ist die Kommune ein Dorn im Auge.Gerade hat Stoffer, der Anführer, dem Jens Albinus das Charisma eines Fanatikers gibt, in einer wilden Szene seinen Zorn gegen die "Normalen" herausgeschrien, hatte seine herausfordernde Nacktheit gegen das Abgefederte dieser bürgerlichen Vorort-Nachbarschaft gestellt.Aus seinem Zorn klingt Verzweiflung: Das Verrücktsein ist ihm nicht nur Provokation, sondern wirklicher Gegenentwurf zur normalen Welt.Und deren Rücksicht empfindet er als bewußte Demütigung.Nur in der Kommune ist er König, despotisch und fordernd zugleich.Auf der Party, die zu seinen Ehren gefeiert wird, darf er sich als Höhepunkt ein Spiel wünschen.

Er wünscht sich "Gruppensex".Was, so die Mitglieder willig sind, zu einer fröhlichen Orgie ausartet, die der Film drastisch und unerschrocken abbildet, bis an die Grenze der Pornographie.Unbekümmerte Freude am Körper - Lars von Trier ließ das Team ganze Tage nackt proben - und einige anrührende Momente scheuer Zärtlichkeit zeigen, daß das gespielte "Gaga-Sein" nicht nur Flucht aus Zurechnung, sondern wirklich Befreiung sein kann.Was aber geschieht dem, der nicht mitspielt? In dem Moment, in dem eine Frau ausschert aus dem Gruppenzwang, wird aus dem Spiel Ernst, aus der Unzurechenbarkeit der "Behinderten" eine Unberechenbarkeit der Gewalt.Die Szene endet fast in Vergewaltigung.

Schritt Nr.3: Das Spiel ist aus.Immer mehr haben die Gruppenmitglieder unter Leitung des unnachgiebigen Stoffer sich entfremdet."Ihr meint es nicht ernst genug", wirft er seinen Getreuen vor und erfindet eine perfide Mutprobe: Jeder muß sich beweisen, indem er nicht nur Fremden gegenüber behindert auftritt, sondern den Menschen, die ihm am liebsten sind.Henrik lehnt gleich ab: So ernst meinte er es nicht.Axel, Kunstlehrer an einer Volkshochschule, stellt sich der Aufgabe, kapituliert dann aber vor den Blicken seiner Schüler.Es scheint, als habe die Gruppe durch die Konfrontation mit der Realität den Zusammenhalt verloren.Betreten packen alle ihre Sachen.

Da springt Karen ein: Fassungslos hatte sie die Auflösung der Gruppe beobachtet, die ihr für einige Wochen Heimat und Familie geworden war.In einem schmerzhaft intensiven Monolog dankt sie den Mitgliedern, wie in einer Litanei: "Susanne, weil du so freundlich warst ..., Jeppe, weil du so liebevoll warst ..., Katrine, weil du immer gute Laune hattest ..." Am Schluß des Rituals steht das Menschenopfer: Um zu beweisen, daß nicht alles umsonst war, bietet sich Karen freiwillig zur Probe an.Und wird in einer grauenvollen Schlußszene enthüllen, daß das, was sie in die Geborgenheit der gespielten Behinderung trieb, ein Grauen war, daß sie am Ende tatsächlich verrückt macht.

Mit dieser Szene ist Lars von Trier bei sich angekommen, bei jener fanatischen Glaubensgewißheit, mit der er, konvertierter Katholik, Erlösung durch Aufopferung erhofft.Bodil Jorgensen als Karen ist in ihrer intensiven Gespanntheit und offensichtlichen Verletzbarkeit eine würdige Nachfolgerin von Emily Watson aus "Breaking the Waves", von Triers cineastischem Meisterwerk.Wie dort wird für den Regisseur auch in "Idioten" die Opferbereitschaft einer Frau zur Erlösung der Menschen-, der Männerwelt.Opferbereitschaft, die einer Labilität entspringt, die der Zuschauer als Gefährdung, der Regisseur offenbar aber als Gabe empfindet.Die eigentliche Provokation: Seine vermeintlich kunstlosen, ausgefeilten Filme vermitteln dem Zuschauer visuell eine Überzeugung, der sich der Verstand verweigert.

In Berlin in den Kinos Delphi, Hackesche Höfe (OmU), International und New Yorck

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