Kultur : Liebe auf Kreditkarte

René Polleschs „Telefavela“-Drama im Berliner Volksbühnen-Prater

Peter Laudenbach

Früher hat René Pollesch Stücke aus den „world wide web slums“ inszeniert und die modernen Menschen der New Economy in zappelnde Hysteriker des Arbeitsmarktes verwandelt. Inzwischen sind die Arbeitsmärkte kollabiert, und in Polleschs Stücken schlagen sich die Figuren nicht mehr mit Kokain, Labels und der Selbstausbeutung in Kreativberufen herum, sondern mit der „Krise des Normalarbeitsverhältnisses“.

In seiner neuen Produktion im Berliner Prater wohnen sie nicht wie früher in den Zeiten der Startup-Dekadenz in „smart houses“, sondern in der „Telefavela“. Die Mischung aus Slum und Telenovela, den endlosen brasilianischen Soaps, in denen die Klischees vom Leben der Reichen und Schönen in eine bizarre Künstlichkeit gesteigert sind, sorgt für die schönste Verwirrung. Einerseits wird noch einmal im Pollesch-Sound das „Überleben in der informellen Ökonomie“ durchreflektiert und von Leuten berichtet, die sich, ganz moderne Ich-AGs, „in das Verbrechen hineinflexibilisiert“ haben. Andererseits aalen sich die Schauspieler mit Wonne in den übergroßen Gesten und kitschgetränkten Pathosformeln der Soaps: Camp, das Vergnügen am guten schlechten Geschmack, trifft Neomarxismus, Trash goes Kritik der politischen Ökonomie.

Was für ziemlich lustige Brechungen sorgt. Wenn zum Beispiel Sophie Rois mit Grandezza die gute alte Kritik an bürgerlichen Subjektpositionen in arrogantes Diva-Seufzen übersetzt und ihr Hausmädchen anschmachtet: „Ich mag es, wie du dich mit Versatzstücken oder Resten von dem man, was man normalerweise Selbst nennt, über Wasser hälst.“ Oder wenn Volker Spengler, typgerecht als Big Daddy besetzt, unter dem wacklig aufgeklebten Schnauzbart (der dann auch irgendwann theatralisch abfällt) hervorröhrt: „Wo ist der Erbe meines Imperiums? Ich liebe die Comtessa.“

So macht „Empire“-Kritik erst richtig Spaß. Und wenn Sophie Rois unter Bert Neumanns Zelthimmel ausgiebig und lustvoll das Leben als Sexgöttin beklagt („Mein Körper schleicht durch jedes Phantasma, das irgendwer sich vorstellen kann ... ich will nicht dauernd das Sexsymbol sein, das alle in mir sehen"), macht sie das voller Genuss und mit aller Freude, die ein gesunder Narzissmus zu bieten hat. Schwer zu sagen ist, ob es dabei um antisexistische Agitation oder eher um das soap-gerechte Vergnügen am eigenen Begehrtwerden oder um beides geht. Auch die Fragmente einer Sprache der Liebe in der Dienstleistungsökonomie klingen lässiger als in den letzten Pollesch-Inszenierungen:Wenn sich Sophie Rois als Comtessa in der rosa Seide ihres Bettes räkelt und nicht weiß, ob das jetzt unbedingt Liebe ist, wenn ihr das angebetete Dienstmädchen (Caroline Peters), das eigentlich ein Kerl ist, dauernd die Kreditkarten klaut. Antwort der geschulten Servicekraft mit der Reitpeitsche: „Aber das mache ich doch nur, um etwas von dir bei mir zu haben.“

Polleschs Lieblings- und Dauerthema der gekauften Gefühle ist im Erzählmuster der Soaps und des Boulevard angekommen, wo es ja auch immer nur um die Verwicklungen zwischen Geld und Liebe geht. Schade nur, dass Desirée Nick, ein Neuzugang in der Pollesch-Factory, die verzickte Neuköllner Hinterhof-Diva gibt und sich als intrigante Tante darauf kapriziert, eine Mischung aus Dieter Hallervorden und Edith Hancke zu krähen – ein unangenehmes Störgeräusch in dem prächtig aufgelegten Ensemble.

Nächste Vorstellungen am 18. u. 24. Januar.

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