Kultur : Liebe, Glaube, Wahnsinn

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Von Jörg Königsdorf

Arturo Toscanini, einer der größten Dirigenten aller Zeiten, hat es so formuliert: Um Künstler zu werden, brauche man zehn Prozent Talent und 90 Prozent Disziplin. Doch was passiert, wenn jemand 100 Prozent Talent und 100 Prozent Willensstärke besitzt? Im Fall von Magdalena Kozena scheint die Natur diesen Feldversuch riskiert zu haben: Die tschechische Mezzosopranistin hat nicht nur eine der schönsten Stimmen der Gegenwart in die Wiege gelegt bekommen, sondern auch einen unbeugsamen Willen. „Ich wollte immer besser sein als die anderen“, erzählt sie. „Das war schon als Kind so, als ich noch Klavier spielte. Selbst solche stupiden Dinge wie Tonleitern zu üben, hat mir nie etwas ausgemacht, weil ich wusste, wozu es gut war.“ Das klingt, als käme sie direkt aus einem realsozialistischen Trainingslager für Leistungssportler, und zugleich so entwaffnend selbstverständlich, als ob Kozena noch nie in ihrem Leben auf den Gedanken gekommen sei, dass andere Menschen einfach lieber auf der faulen Haut liegen könnten.

„Nie wieder eine Rolle, die ich hasse“

Kein Wunder, dass es Kozena mit kaum 28 Jahren schon weiter gebracht hat als alle anderen Opernsängerinnen ihres Alters. Die internationale Presse feiert sie als den aufgehenden Stern am Opernhimmel, sie besitzt einen Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon, konzertiert mit der Crème der Klassik-Künstler und debütiert nun unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt als Zerlina im neuen „Don Giovanni“ der Salzburger Festspiele. Eine Sängerin, wie vom Himmel gefallen, um der darbenden Klassik-Branche wieder auf die Sprünge zu helfen. Denn Kozena hat nicht nur Stimme und Selbstdisziplin, sondern auch ein blendendes Aussehen, und das zählt im Medien-Zeitalter beinahe noch mehr. Schon hat die Plattenfirma ihre kostbare Neuerwerbung in etlichen Hochglanz-Fotoserien ablichten lassen, auf denen Kozena wie ein Top-Model drapiert wird: Mal als Vamp mit einer Blondmähne, mal als naturverbundenes Girl, das sich lässig auf einem sonnenbeschienenen Floß in der Moldau aalt – als wäre sie eine Klassik-Ausgabe von Tschechiens Laufsteg-Star Eva Herzegova.

Der Aufstieg Kozenas ist fest geplant und unaufhaltsam – auch weil kaum denkbar ist, dass die „Kühle Blonde“ durch den plötzlichen Hype um ihre Person den Kopf verlieren könnte. Die prominentesten Auftrittsstationen im Terminkalender werden mit der gleichen zielorientierten Berechnung abgehakt wie einstmals die Klavier-Hausaufgaben: Man müsse eben an all diesen Häusern von Wien bis New York einmal aufgetreten sein, damit man es hinterher in der Biografie schreiben könne, erklärt sie achselzuckend. Das gehöre nun einmal zum Business. „Aber solche Abende in oft steinalten Repertoireaufführungen sind nichts, woran ich als Künstler wachse. Was da gespielt wird, hat mit lebendigem Musiktheater doch meist nichts mehr zu tun.“

Ein Jahr hat sie es in einem regulären Opernensemble ausgehalten, Anfang der Neunziger an der Wiener Volksoper. Eine Erfahrung, die sie nie wieder machen möchte: „Man wird gehalten wie ein Sklave und gezwungen, Rollen zu singen, die man hasst. Alles, weil man hofft, irgendwann nach fünf, sechs Jahren mal eine Chance zu bekommen. Für eine schnelle Karriere habe ich da keinerlei Perspektive für mich gesehen.“ Kozena ging, entschied sich, frei zu arbeiten, sich nichts mehr vorschreiben zu lassen. Mit der gleichen Konsequenz, mit der sie schon als 14-Jährige vom Wunschziel Klavier zum Gesang wechselte, als sie einen Tag vor der Aufnahmeprüfung eine schwere Handverletzung erlitt. Wie eine Kunstturnerin, die vom Bodenturnen zum Barren wechselt.

Spätestens hier begreift man, dass Kozenas Wille zur Karriere eben auch der Wille zur Kunst ist, dass ihr Ehrgeiz sich zu künstlerischem Perfektionsstreben transformiert hat. Diese seltene Präzision von Technik und Ausdruck fiel offenbar auch den Verantwortlichen der Deutschen Grammophon auf, als sie vor sechs Jahren das unverlangt eingesandte Band mit Bach-Arien hörten, das Kozena mit einer tschechischen Barock-Formation aufgenommen hatte. Die Veröffentlichung dieser Aufnahme in der traditionsreichen Archiv-Reihe lenkte schlagartig die Aufmerksamkeit auf diese Ausnahmestimme – die vielfach preisgekrönten Alben mit tschechischen Liedern und Opernarien des 18. Jahrhunderts haben sie in den Kreis der „Happy few“ Klassikstars aufsteigen lassen.

Es fällt schwer zu glauben, dass ein so vernünftiger Mensch ausgerechnet von so irrationalen Dingen wie Liebe, Glaube und Wahnsinn singt. Wäre da nicht das unmittelbare Erlebnis dieser berührenden, klagenden, schwärmenden, zürnenden Stimme.

In den Winkeln der Seele

Und genau so klingt sie,a in Prags prachtvollem K.u.K.-Konzerttempel, dem Rudolfinum. Kozena singt Händel, begleitet vom Alte-Musik-Messias Marc Minkowski und seinen Musiciens Du Louvre, mit denen sie seit Beginn ihrer Karriere regelmäßig konzertiert. Ein ganz besonderer Abend: Zum ersten Mal wagt Kozena mit zwei Arien aus dem „Giulio Cesare“ den Sprung ins Sopranfach. Mit einer magischen Intensität des Tons erfüllt sie Cleopatras wunderbare Klagearie „Piangeró la sorte mia“ mit einer Gefühlstiefe bis in die Seelenwinkel eines zugleich körperlosen, dennoch unmittelbar gegenwärtigen pianissimo hinein. Als wäre hier ein intuitives Verstehen des Menschlichen tief unter den Gesteinsschichten des Musikerinnenalltags verborgen gewesen und würde mit einem Mal hervorbrechen. Und man begreift in diesem Moment, dass zu Talent und Disziplin noch ein kleiner Funke hinzukommen muss, der die beiden Elemente zur Reaktion führt. Er heißt Genie.

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