Kultur : Liebe im Hinterzimmer

Das Ephraim-Palais ehrt den Maler Hans Meid

Michael Zajonz

Martin Woelffer, Jahrgang 1936, erinnert sich noch genau. Als der heutige Direktor der Komödie am Kurfürstendamm nach dem Krieg nach Berlin zurückkam, waren sie noch da: die Wandbilder zur Commedia dell’Arte, mit denen der Maler und Grafiker Hans Meid im Auftrag Max Reinhardts 1924 den Zuschauerraum verschönert hatte. Feuer und Bomben hatten die weinroten Figurinen auf zartgelbem Fond zumindest teilweise unbeschadet überstanden. Unwiederbringlich verschwunden sind sie erst 1950, als Oskar Kaufmanns kriegsversehrtes Neorokoko-Theater modernisiert wurde.

Ein merkwürdig aus der Gegenwart Gefallener war Meid, 1883 geboren, beinahe von Anfang an. Ein später Impressionist, der bis zu seinem Tod 1957 konsequent darauf verzichtet hat, Bilder des „modernen Lebens“ zu malen. Heute erinnert sich an den um 1910 durch Grafikmappen zu „Othello“ oder „Don Juan“ und die Förderung von Max Liebermann und Paul Cassirer berühmt gewordenen Berliner Künstler kaum noch jemand. Obwohl seine Arbeiten zeitweise teurer waren als die Slevogts und Liebermanns.

„Welt und Gegenwelt“ nennt das Stadtmuseum Berlin seine Meid-Retrospektive. Im Ephraim-Palais hat Dominik Bartmann, der Spezialist für die Kunst der Berliner Secession, in schwarzen und tiefroten Kabinetten Meids bildnerisches Paralleluniversum ausgebreitet. Elegante Paare im Park à la Watteau, Reiter vor ausufernder Landschaft, Amouren im Hinterzimmer. Meid kultivierte eine Bildwelt, die tief in der Rokoko-Erotik des Ancien Régime wurzelt. Darin wusste sich der an der Meissner Manufaktur ausgebildete Porzellanmaler eins mit dem englischen Oberästheten Aubrey Beardsley oder mit Karl Walser – beide wie Meid passionierte Buchillustratoren. Meid hat Balzac und Schiller illustriert, aber auch Schnitzler und Hauptmann. Die Buchkunst wird ihn später über die Nazizeit retten, obwohl vieles nicht erscheinen durfte.

Ein Unbehagen bleibt: Dem drängenden Zeitgeist gegenüber hat sich Meid, der in den 1910er Jahren mit Max Beckmann befreundet war, mit Ausnahme einiger Radierungen, die den Ersten Weltkrieg an der Ostfront spiegeln, zeitlebens bemerkenswert resistent verhalten. Wer seiner Kunst gerecht werden will, muss die Nebenpfade der Moderne akzeptieren. Und genau hinhören, was im Zwiegespräch zwischen Meids hysterischen Dämchen und Kavalieren anklingt. Glänzender Smalltalk? Angst vor Langeweile? Zeichnungen wie ein Rohmer-Film. Ein Franzose in Berlin. Michael Zajonz

Ephraim-Palais, Poststraße 16, bis 15. Juni. Katalog (G + H Verlag) 19,95 Euro.

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