Kultur : Liebe in Alphaville

Gemeinsam einsam: Haruki Murakamis Roman „Afterdark“ erzählt von schlaflosen Träumern

Kai Lenke

Wer suchet, der findet, sagt das Sprichwort. Dabei weiß jedes Kind, das in der Lego-Kiste wühlt: Man findet nie das, was man sucht. Das Prinzip, das fast allen Geschichten Haruki Murakamis zu Grunde liegt, ist, dass gerade derjenige fündig wird, der nicht mehr zu suchen glaubt. Seine Helden (oder besser: Antihelden) haben, so jung sie sein mögen, oft ihre Träume längst beerdigt. Lethargisch lassen sie sich treiben – und werden früher oder später an Land gespült.

In „Afterdark“, Murakamis neuestem Roman, treiben sie durch die Nacht und geraten an Fremde, die sie vielleicht ganz unbeabsichtigt doch wieder träumen lassen. Manchmal fällt es eben leichter, sich einem Fremden anzuvertrauen als einem allzu Vertrauten, von dem man sich nichts Neues mehr erhofft.

Mari, ein junges Mädchen, das zwar ganz hübsch, aber nicht besonders schön ist, zieht sich mitten in der Nacht mit einem dicken Buch in ein Kettenrestaurant zurück. Sie ist von zu Hause geflohen, wo ihre beneidenswert schöne Schwester Eri seit Monaten im unerklärlichen Tiefschlaf liegt. Bald tritt ein junger Mann ein und setzt sich neben sie.

Von diesem Punkt an wird Mari zur Hauptdarstellerin mehrerer Handlungsstränge. Die Geschäftsführerin des Love-Hotels Alphaville – eine Anspielung auf Jean-Luc Godards Film – braucht sie als Dolmetscherin für eine chinesische Prostituierte und führt sie so in eine fremde Welt ein. Die junge Chinesin ist von einem Freier verprügelt worden, weil sie gerade ihre Tage bekommen hatte. Der wiederum, ein verheirateter Büroangestellter, wird, ohne es zu ahnen, bald von der chinesischen Mafia gejagt.

Zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen Menschen sich einander öffnen – weil sich einen Moment lang ein Gefühl von Einigkeit ergibt. So erzählt Mari, dass sie Komplexe gegenüber ihrer Schwester hat. Der junge Mann hat keine Mutter mehr, dafür einen kriminellen Vater, und eine Angestellte des Love-Hotels flüchtet vor irgend jemandem quer durch Japan und trägt deshalb einen falschen Namen. Murakamis Figuren sind allesamt Flüchtlinge vor der eigenen Biografie, die sich im Exil der Nacht begegnen. Und aus den versprengten Individualisten wird plötzlich ein Wir – zumindest bis der Tag anbricht.

Murakamis frühere Ich-Erzähler waren nicht selten blasse Figuren. Es war leicht, sich mit ihnen zu identifizieren, weil man alles in sie hineinprojizieren konnte. „Afterdark“ hingegen wird aus einer seltsam objektivierten Perspektive erzählt, in der sich der Leser mit dem Erzähler verbündet und die Geschichte gemeinsam durch das Auge einer fiktiven Kamera erlebt. „Wir sind unsichtbare, namenlose Eindringlinge. Wir sehen. Wir lauschen. Wir riechen. Ohne indes physisch anwesend zu sein und Spuren zu hinterlassen. Wenn man so will, halten wir die gleichen Regeln ein wie wahre Zeitreisende. Wir beobachten, ohne einzugreifen“, heißt es.

Im Großen und Ganzen verlässt sich Murakami hier auf bewährte Muster: der vertraute Ton der Figuren, das geschickte Hin- und Herschneiden zwischen Schauplätzen und Personen sowie die Momente, in denen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Letzteres muss Eri erfahren, die während ihres Dornröschenschlafs in eine Welt hinter der Mattscheibe ihres Fernsehers gesogen wird. Das Kameraauge kann ihren Befreiungskampf nur beobachten. Die Fernsehwelt gleicht dem Büro des prügelnden Freiers aus dem Love-Hotel. Kaum hat Mari eine neue Welt entdeckt, wird die Seele ihrer Schwester Eri auch schon von ihr bedroht. Auch das gehört zu Murakami: Alles hängt auf wunderbare Weise zusammen.

„Bevor ich zu schreiben beginne, mache ich gar keine Struktur, gar keinen Plan“, sagte Murakami vor zwei Jahren in einem seiner wenigen Interviews. Kaum zu glauben bei jemandem, der offensichtlich immer mehr Wert auf seine Dramaturgie legt, was schon bei den beiden letzten Romanen „Sputnik Sweatheart“ und „Kafka am Strand“ deutlich wurde. Zum Leidwesen der Sprache, denn sie hat ein wenig an Glanz verloren.

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Aber auch wenn „Afterdark“ keine „Wilde Schafsjagd“ ist und die junge Mari eine weniger aufregende Heldin als „Mister Aufziehvogel“, hinterlässt uns Murakami auch diesmal wieder mit einem so wohligen und befriedigten Gefühl, wie es nur wenigen gelingt. Und obwohl das Buch dort endet, wo die Haupthandlung einsetzen müsste, sind wir gnädig gestimmt: Das Ende ist uns überlassen. Wir haben das Schicksal der Helden in der Hand.

Haruki Murakami: Afterdark. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe; DuMont Verlag, Köln 2005. 237 Seiten, 19,90 €.

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