Kultur : Liebe ist nur ein Mord

Für Halbschlafwandler: Jürgen Kruse inszeniert Oscars Wildes „Salome“ am Deutschen Theater Berlin

Peter Laudenbach

Nach dem Rausch kommt der Kater. Wer wüsste das besser als Jürgen Kruse. Er inszeniert nicht die Heftigkeit der großen Tragödien, die blutigen Exzesse aus Liebes- und Mordrausch, sondern ihren erschöpften, etwas kaputten Nachklang. Jürgen Kruse ist der Regie-Fachmann für somnambule Dämmerzustände, in denen die Konturen von Figuren und Dingen verschwimmen. In seinem Theater herrscht das Halbdunkel der frühen Morgenstunden. Egal welches Stück er inszeniert, fast immer taumeln seine Figuren etwas ziellos und sehr verloren über die Bühne, als wollten sie beweisen, dass ihnen die berühmte metaphysische Obdachlosigkeit des modernen Menschen schwer aufs Gemüt geschlagen ist. Wenn sie sprechen, ist das ein murmelndes Selbstgespräch, ein traumverlorenes Stochern im Nebel des eigenen Innenlebens. Kruse inszeniert keine Stücke, sondern Erschöpfungs- und Entrückungszustände.

Jetzt hat er zum zweiten Mal an den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin eine seiner schwarzen Messen im Halbschlaf inszeniert, Oscar Wildes „Salome“. Auch das ein Stück aus einem zeit- und weltvergessenen Traumreich, eine Geisterstunde aus dem Fin de siècle. Allerdings ist bei Oscar Wilde die perlmuttglänzende Oberfläche der Tragödie auf Hochglanz poliert, die Lyrismen funkeln elegant,und der Vollmond illuminiert die außer Kontrolle geratenden Triebkräfte aufs Romantischste: Symbolismus für Feinschmecker.

Ein Fall von Alkoholmissbrauch

Von diesen aparten Reizen ist in Kruses Inszenierung nichts übrig geblieben. Seine Figuren sind keine zarten Traumwesen, sondern Untote, Bewohner eines Schattenreiches, mit Streiflicht aus der Dunkelheit herausmodelliert wie auf Gemälden alter Meister. Die Bühne, die ihnen Wilfried Minks gebaut hat, sieht wie eine zugemüllte Rumpelkammer aus, in der sich Restbestände aus dem Fundus stapeln. An den Seiten ein grob gemalter Prospekt, der eine Art Hollywood-Antike zitiert, im Bühnenhintergrund ein Bild von Wolkenkratzern, das ab und zu von einer runden Mondscheibe verdeckt wird, die römischen Kostüme nichts als trashige Witze. Lauter Zeichen, die nichts mehr bezeichnen, lauter zufällig übrig gebliebene Bildzitate, die auf nichts als auf die eigene Zufälligkeit verweisen.

Der Pomp der Kulissen, der Dekorationszauber aus Märchen-Antike und Traum-Orient, den Wilde so genießerisch ausbreitet, wird mürrisch beiseite gefegt: Ob sich die Hass-Liebes-Geschichte in einer biblischen Vorzeit, einer Neuköllner Absturzkneipe oder einfach im Kopf einer verwirrten Seele abspielen, ist fast egal. Und auch die prunkende Rhetorik Wildes hat eine schwere Schlagseite abbekommen.

Die Figuren kämpfen mit massiven Wortfindungsschwierigkeiten, wie er nach längerem Alkohol-Abusus unvermeidlich eintritt. Lange bevor Herodes zum ersten Mal auftritt, müssen sie seinen Namen zerkauen und zerdehnen, bis von Heroe über Hero-buenos-dias alle Kalauer-Varianten durchgespielt sind. Ob es sich bei dem Gefangenen eher um einen Pro-stituierten, einen Pro-fessor oder doch um einen Pro-pheten handelt, ist eine durchaus unentschiedene Frage. Nachdem so elegantes Wortgeklingel und Dekorationsprunk gründlich erledigt sind, könnte Jürgen Kruse eigentlich zum Kern des Stücks vordringen. Leider kann er sich nicht entscheiden, woraus dieser Kern bestehen könnte – außer der Kruse-üblichen Verlorenheit der Figuren.

„Salome“ handelt von zwei Dingen. Einmal davon, dass sich die Tochter eines römischen Statthalters in einen gefangenen Propheten verliebt und, als dieser ihre Liebe nicht erwidert, seinen Kopf verlangt. Zum anderen von einer weltlichen Macht, die von den Prophezeiungen eines frühchristlichen Visionärs erschüttert wird. Dieser Prophet (Martin Brauer) ist in Kruses Inszenierung eine Art abgehalfterter Rockstar, der an Lächerlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Nebelwolken begleiten seine Reden, die Spielweise könnte man als dampfendes Stadttheater bezeichnen.

Der Kater danach

Was dadurch ausgeglichen wird, dass auch der römische Herrscher (Bernd Stempel) eher Hampelmann als kühler Machtmensch ist: ein Funktionär der Macht, der seine Rolle gründlich satt hat, ein müder Apparatschik, der seinem Job schon lange nichts mehr abgewinnen kann und nur noch mangels Alternativen Cäsars Diener gibt. Und dass er sich nichts sehnlicher wünscht, als dass seine Stieftochter Salome anzüglich vor ihm tanzt, ist weniger Folge außer Kontrolle geratender Triebkräfte als triste Altmännerfantasie. Kein Rausch der Sinne, eher ein Kater der Sinnlosigkeit. Was man angesichts der Psychohölle, die ihm seine formvollendet zickende Salon-Schnepfe von Gattin bereitet (sehr komisch: Barbara Schnitzler), nur zu gut verstehen kann.

Lauter Angeschlagene und unheilbare Fälle: ein offenbar geisteskranker Altrocker, der sich mit einem Propheten verwechselt, ein Depressiver, der den Herrscher geben muss und eine eiserne Lady unter hochtoupierter Fünfzigerjahre-Frisur, deren letzte Freude im Gatten-Quälen besteht. Die Dekadenz und die Erlösung, der Torkel der Sinne und das Versprechen einer reinigenden Askese, die bei Wilde so verheißungsvoll leuchten: Sie sind hier gründlich entzaubert. Die Dekadenz: eine Tristesse. Die Läuterung: Gelalle eines nervenden Drogenwracks. Das Versprechen eines „personal Jesus“ ist in dieser Umgebung nur noch ein Zitat aus einem Depeche Mode Song in der Cover-Version von Johnny Cash.

Das Licht, das in dieser Finsternis leuchtet, heißt Nele Rosetz. Sie spielt die Salome mit einer unsentimentalen, bestimmten Klarheit des Gefühls. Eine Lebendige zwischen lauter Zombies. Eine Liebesgeschichte zwischen lauter müde zuckenden Halbtoten. Eine strahlende Erscheinung zwischen lauter Pflegefällen.

In all ihren ziellosen Verfransungen steuert die Inszenierung auf den einen Moment der echten Empfindung zu: Als die Salome der Nele Rosetz den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan küsst, gelingt Kruse eine seltsam anrührende Liebesszene.

Weitere Aufführungen am 1. und 7.10.

0 Kommentare

Neuester Kommentar