Kultur : Liebe ist nur ein Ort

CHRISTIAN SCHRÖDER

Weltgeschichte hat den drehplantechnischen Nachteil, daß sie sich meistens spontan ereignet.Der Fall der Berliner Mauer zum Beispiel überraschte nicht nur die Politiker, sondern auch sämtliche Regisseure.Margarethe von Trotta mußte für ihren Film "Das Versprechen" den von den Volksmassen überrannten realsozialistischen Schutzwall extra noch einmal nachbauen lassen, das Ergebnis sah entsprechend pappmachéartig aus.Wayne Wang hatte es da leichter.Hongkong, das stand lange fest, würde am 30.Juni 1997 aus britischer Herrschaft an China zurückfallen.Eine Wiedervereinigung, auch hier, nur daß diesmal der Kommunismus siegt.Abschied vom Kolonialismus! Abendlanddämmerung! Der Osten wird rot! Wang, Hongkongchinese mit US-Wohnsitz, mußte also nur die Kamera aufstellen, um dem Weltgeist beim Walten zuzuschauen.Weil er aber kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilmregisseur ist, schrieb er vorher ein Drehbuch und engagierte ein paar Schauspieler, darunter zwei echte Weltstars."Chinese Box" heißt sein Film, wie diese kunstvoll verzierten Holzschränkchen mit den vielen Fächern.Man weiß nie, was drinsteckt, wenn man sie öffnet.

"Chinese Box" handelt vom Abschiednehmen.Nicht die Übergabe der Kronkolonie an China zeigt Wang, sondern die letzten Monate davor.Am Anfang steigen schon mal Feuerwerksraketen in den Himmel, aber das ist die Sylvesterfeier 96/97, bei der in einem Hotel dekadente Europäer mit neureichen Chinesen auf die künftigen Geschäfte anstoßen.Unschön nur, daß sich um Mitternacht ein Student auf offener Bühne erschießt, um gegen "den politischen und kulturellen Verlust von Freiheit" zu demonstrieren.Mächtig wackelt die Handkamera, ganz wie in den richtigen Fernsehnachrichten.Jeremy Irons (Weltstar Nr.1) beobachtet das Geschehen mit zusammengekniffenen Augen.Sein Blick - professionell neugierig, vor allem aber skeptisch - ist auch der Blick des Films.

Irons spielt einen englischen Journalisten, der weiß, daß er nicht mehr lange zu leben hat.Leukämie zerfrißt seinen Körper, manchmal verliert er sein Bewußtsein und bricht zusammen.Außerdem leidet er unter einer Schreibhemmung, über die ihm auch der Alkohol nicht hinweghilft.Irons steht für das alte Europa.Das neue Asien wird hingegen von Gong Li (Weltstar Nr.2) verkörpert.Sie ist schön und rätselhaft, Irons ist ihr verfallen.Li arbeitet in einem Table-Dance-Club als Bardame und ist mit einem reichen Politiker verlobt.Table-Dance oder Euro-Liebe: zwischen diesen beiden Welten muß sie wählen.Keine leichte Entscheidung.

Dramatik allein reicht für ein Melodram nicht aus.Es braucht auch eine gewisse dramaturgische Verwinkeltheit.Eine zweite Frau kommt ins Spiel, die ein noch größeres Geheimnis als die von Li gespielte Bardame in sich birgt.In einem Imbiß trifft Irons Jean (Maggie Cheung), ein Punkmädchen mit zernarbtem Gesicht.Der Reporter macht sich sofort investigativ ans Werk.Er: "Ich habe noch nie jemanden wie dich in Hongkong getroffen, deshalb will ich mehr von dir wissen.Fühlst du dich frei?" Sie: "Was ist frei?" Noch ein bißchen philosophieren sie so weiter, dann drückt Irons ihr eine Videokamera in die Hand, mit dem sie ihr Leben filmen soll.Natürlich hegt er mehr als ein bloß journalistisches Interesse für das Mädchen, deshalb verfolgt er sie heimlich.Es geht durch überfüllte U-Bahnen, vorbei an weihrauchverhangenen Tempeln und durch enge Marktgassen.Die Stadt: ein Labyrinth.

Die Folklorepostkarten aus den Straßen von Hongkong sind noch das Beste an "Chinese Box".Wang möchte ein Dreiecks-Liebesdrama mit den Mitteln der Reportage erzählen, kriegt aber nur einen Leitartikel hin.Seine Figuren, Symbole mehr als Menschen, sind Pappkameraden in einem Thesentheater.Irons, der Reporter, stirbt am Ende.Es ist der 1.Juli, der Tag nach der Rückgabe Hongkongs.Der wirklich interessante Film fängt in diesem Moment vielleicht erst an.

Babylon, Delphi, FT am Friedrichshain

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