Kultur : Liebe ist reine Torheit

Marek Janowskis „Parsifal“ in der Philharmonie

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Foto: promo
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„Das Wesentliche ist die Musik“ – worauf könnte das Motto des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin besser zutreffen als auf Marek Janowskis konzertanten Wagner- Zyklus? Beim „Parsifal“ zumal sind die Widersprüche eines Librettos gemildert, das allzu häufig entweder die Sänger auf der Bühne herumstehen ließ oder zu den wildesten Bildphantasien von Syberberg bis Schlingensief Anlass gab. In der vom Schlussbeifall erzitternden Philharmonie gilt alle Aufmerksamkeit den kunstreichen Klängen, die sonst oft zur Staffage herabgewürdigt, zumindest im Orchestergraben nicht voll wahrnehmbar sind.

Mit dem blendend aufgelegten RSB, dem zuverlässig von Simon Halsey instruierten Rundfunkchor und vortrefflichen Solisten entfaltet Janowski narkotisierende Wirkung: Ein magischer Moment, wenn sich der ersten zarten Streicherlinie betörende Holzbläserklänge beimischen. Und diese Delikatesse, welche die Sänger auf Händen trägt, bleibt auch in wildesten Stimmverwicklungen und Kraftaufschwüngen erhalten. Hellstimmig tönt der Chor, als seien’s Schumanns „Faust“-Szenen.

Ein wenig weihevoll-zäh vielleicht das Grundtempo des ersten Akts, das die Gurnemanz-Erzählung (mit einschmeichelnd weichen Basstönen: Franz-Josef Selig) über Gebühr verbreitert. Übertrieben auch das häufige Einspielen von Kirchenglocken, die zwar den Intervallen des „Glaubensmotivs“ entsprechen, aber doch leicht penetrant auf den Sieg des Glaubens einschwören. Amfortas, den Evgeny Nikitin mit der Hand auf dem Herzen sehr russisch gibt, kann mit seinen Schmerzen vorerst wenig überzeugen.

So fesselt und berührt am stärksten der zweite Akt, in dem zwar um glaubensfördernde Keuschheit gerungen, aber eben auch ganz unsakral geliebt und gelitten wird: Tief aus dem Körper holt Michelle deYoung als Kundry nicht nur ihre „Urschreie“, sondern auch die intensiven Facetten einer kraftvoll klaren Stimme. Diese Figur ist in ihren Verstrickungen nachvollziehbar. Parsifal hat in Christian Elsner seinen Trauminterpreten gefunden, glasklar in der Artikulation, mit dem überwältigenden Nuancenreichtum seines biegsamen lyrischen Tenors. In Klingsors Zauberschloss (Eike Wilm Schulte gibt ihn schneidend als Alberichs Bruder) entzücken die Blumenmädchen mit schwebenden Sopranen.

„Hört und urteilt selbst“, scheint die Musik dem Hörer zuzurufen. Doch suggeriert ihre „reine Schönheit“, als ginge im „Parsifal“ alles mit rechten Dingen zu. Allzu leicht erliegt man einem Karfreitagszauber, dessen fundamentalistische Dimension hier ausgeblendet wird – oder man verweigert sich der Langeweile des diatonischen Paradieses, um sich mit Lust in den chromatischen Sündenpfuhl zu stürzen. Isabel Herzfeld

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