Kultur : Liebe Lügen

Panorama: der deutsche Thriller „Devot“ von Igor Zaritzkis

Frank Noack

Die junge Frau auf der Brücke sieht aus wie eine Selbstmörderin, bereit zum Sprung. Aber der junge Mann, der in seinem protzigen Wagen vorbeifährt, spielt nicht den edlen Retter. Statt anzuhalten, um sie vor einer Dummheit zu bewahren, fragt er sie nach ihrem Preis. 120 Euro, lautet die Antwort. Er ist einverstanden und nimmt sie mit zu sich nach Hause.

In Igor Zaritzkis Film wird am laufenden Band missverstanden und gelogen. Der Zuschauer mag irritiert sein, die beiden Hauptfiguren sind es nicht. Denn Anja (Annett Renneberg) und Henry (Simon Böer) empfinden Missverständnisse und Lügen als stimulierend. Der Zuschauer mit der Zeit auch. Menschen, die gleich beim ersten Rendezvous ihre Biografie aufsagen und die aufrichtig über ihren seelischen Kummer sprechen, sind doch langweilig. Gegenseitiges Misstrauen kann eine Beziehung beleben. Deshalb kommen Anja und Henry eine ganze Nacht lang nicht voneinander los. Mehrmals wirft er sie hinaus. Immer wieder kehrt sie zurück. Auch in seinem Interesse. Devot sind sie beide. Und undurchschaubar. Ist sie eine abgebrühte Hure oder ein traumatisiertes Vergewaltigungsopfer? Ist er ein Sadist oder ein Softie, der nur auf Wunsch zuschlägt? Das bleibt bis zuletzt unklar und spannend – „9 ½ Wochen“ für Anspruchsvolle.

Der radikale Stilwille, der sich in „Devot“ manifestiert, überrascht wenig. Die meisten deutschen Nachwuchsregisseure versuchen ihr Publikum durch schräge Dekorationen und Geräusche zu überwältigen. Doch Igor Zaritzki hatte mehr als nur formale Spielereien im Sinn. Seine Darsteller können neben schönen Gesichtern und ebenso schönen Körpern Theatererfahrung vorweisen – sie mit Peter Zadek, er mit Einar Schleef. Wenn Anja plötzlich behauptet, sie sei schon längst tot, klingt das nicht lächerlich. Weil man Zadeks Ophelia Annett Renneberg die lebende Tote abnimmt.

Heute 20.15 Uhr (Cinestar3)

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